Parzival

 

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Wolfram von Eschenbach

Parzival

 

1 Zur Didaktik und Methodik

 

Es wird im folgenden Modell nicht darum gehen, philologische oder literatur-wissenschaftliche Steckenpferde zu reiten, sondern darum, den Gegenstand so aufzubereiten, dass er dem Schüler/der Schülerin vielleicht auch dem Lehrer interessant werden kann.

„Interessant werden“ bedeutet nicht: zur Identifikation einladen oder verführen. Viel eher sind Momente, die z. B. „herausfordern“, „stutzig machen“ (im Thomas Mannschen Sinn), „zum Vergleich auffordern“, beabsichtigt.

Die Begegnung mit dem ganz anderen, dem Fremden soll hier didaktisch genutzt werden, den Einstieg in die Gesamtproblematik zu wagen. (Im Zusammenhang mit Kellers Grünem Heinrich wird ein anderer Einstiegsweg vorgestellt werden.) Aber es ist auch an Provokation gedacht, vielleicht auch an eine Infragestellung eigener Positionen (sofern solche vorhanden sind) und damit auch an Erschütterung von bis dato wenig oder nicht reflektierter (wohl aber vorhandener und wirksamer) Meinungen und Haltungen.

Wenn auch der hier vorgeschlagene Text besonders geeignet ist, die Werte-Frage anzugehen und sich ihr zu stellen, so bedeutet das keineswegs, dass das unter Umständen vorhandene Wertsystem bzw. die Werthaltung Parzivals, Gawans, die des Gurnemanz oder des Trevrizent ungeprüft übernommen bzw. im Sinne zeitübergreifender Größen (Stichwort: „ewige Werte“) betrachtet werden sollen. Wohl aber sollen solche Systeme bzw. Positionen im Handlungsgefüge textimmanent herausgearbeitet, reflektiert und in ihrer den Text überschreitenden gesellschaftlichen Eingebundenheit erkundet werden. D. h., es wird immer zu fragen sein: Wie sieht die gesellschaftlich akzeptierte („aktuelle“) Wertordnung im Vergleich aus? Konkret: Wie sieht die ritterliche Adelsgesellschaft das Verhältnis Ritter Gott? Wie bestimmt sie die Position des Ritters? Und im Kontrast dazu: Wie sieht das bei Wolfram aus?

Gerade unter dem Stichwort der Fremdheit wird das, was Munding mit existenziellem Transfer bezeichnet (siehe hierzu unter „Literaturdidaktik“), besonders interessant: Wie müsste nun ein Modell aussehen, das heute der Gesellschaft die Antwort gibt, die Wolfram seiner Gesellschaft gab?

Eine solche didaktische Schwerpunktsetzung hat zur Folge, dass gegenstandsbezogene Schwerpunkte sich gegenüber der Fachwissenschaft verschieben. Sprachliche Probleme mögen zwar in besonderem Maße vorhanden sein, sie dürfen sich aber nicht soweit in den Vordergrund drängen, dass sie ein zu großes Maß an Aktivitäten absorbieren inhaltliche Probleme überlagern: In vielen Fällen allerdings sind „sprachliche Probleme“ eben auch inhaltliche Probleme. Oft wird es darum gehen, die präzisen Begriffsinhalte zu erfassen und semiotische Prozesse nachzuzeichnen, die sehr wohl auch Gegenwart beleuchten können.

Ergebnisse der Fachwissenschaft werden eklektizistisch herangezogen. Unter Umständen können sich so Widersprüche ergeben. Diese werden in Kauf genommen.

Gegenwärtiges Bewusstsein wird, gerade um die Fremdheit zum Tragen kommen zu lassen, zeitweise zurücktreten müssen, so dass die je in Frage stehende Sache nicht zu stark vom gegenwärtigen Bewusstsein überlagert wird. (Ganz wird sich das ohnehin nicht vermeiden lassen.) Um eine solche Überlagerung in vertretbaren Grenzen zu halten, wird gelegentlich eben auch sprachliche Arbeit, Arbeit an den in Frage stehenden Begriffen und Wortfeldern, notwendig werden.

Eine Konfrontation mit gegenwärtigem Bewusstsein wird gezielt ins Auge gefasst, um einem Aufgehen in Überzeitlichkeit entgegenzuwirken.

 Hinweise zu möglichen Textausgaben:

Es ist zwar nicht erforderlich, dass die Schülerinnen und Schüler den gesamten mittelhochdeutschen Text in Händen haben (wenngleich das zu begrüßen wäre und auch finanziell zu realisieren ist), allerdings sollte eine möglichst umfangreiche Textauswahl gewählt werden. Nach Möglichkeit sollte wenn mit dem mittelhochdeutschen Text (etwa einer Studienausgabe oder mit der Ausgabe der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft) gearbeitet wird eine neu-hochdeutsche Übersetzung zur Verfügung stehen.

Empfehlenswert sind die zwei Bände der Reclam-Ausgabe (mhd. und nhd. Text), die Ausgabe von Gottfried Weber der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, Darmstadt (hier auch gute nhd. Nacherzählung und sehr brauchbare Wort-/Begriffserläuterungen), aber auch die Übersetzung von Dieter Kühn verdient Beachtung, zumal sie mit der (fiktiven) Wolfram-Biografie eine ganz besondere „Zugabe“ bietet und es so schafft, ein anschauliches Bild der gesellschaftlichen Zustände zu entwerfen, in deren Rahmen der Autor wirkte.

Abzuraten ist von den kleinen Auswahlbändchen. Sie bieten nicht nur eine indiskutable Übersetzung, sondern verkürzen die Handlung um wesentliche Bestandteile (meist fehlt Gawan ganz). Sollte aus Kostengründen doch auf eine knappe Version zurückgegriffen werden, so wird es Aufgabe des Lehrers/der Lehrerin sein, in ausführlichen Lehrervorträgen (endlich kann sich der Deutschlehrer auch mal wieder als „Erzähler“ in Szene setzen!) sowohl den mittelhochdeutschen Text zu präsentieren, als auch die Verbindung zwischen den ausgewählten Teilen herzustellen.

In jedem Fall ist es zu empfehlen, zumindest wichtige Stellen im mittelhochdeutschen Original zu belassen. Wenigstens die zentralen Begriffe (êre, minne, aventiure, tugent, arebeit usw.) sollten nicht übersetzt, sondern in ihren Kontexten erfasst werden. Im Übrigen sollte man nicht zu viel Scheu vor dem mhd. Text haben: es geht nicht darum, ein Proseminar abzuhalten, sondern den Text verständlich zu machen. Und da kann ein sinngestaltendes Vorlesen schon sehr viel helfen.

Den kompletten mhd. Text im Netz nebst ein er sehr guten Einführung finden Sie unter:

http://www.fh-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/13Jh/Wolfram/wol_pa00.html

Die nachstehende Skizze folgt der Chronologie des Werks und enthält damit Grundzüge des kursorischen Lesens. Dieser Ansatz wird insofern notwendig, als hier bestimmte Probleme, die mit dem Entwicklungsgedanken zusammenhängen, erstmals in ihrer Entwicklung genauer verfolgt und erörtert werden sollen. Natürlich werden thematisch-problemorientierte Aspekte immer wieder eingeschaltet, sie lassen sich aber auch in einem zweiten Durchgang gesondert behandeln. Im vorliegenden Konzept werden solche Einzel-/Teilprobleme isoliert angerissen bzw. als Teilblöcke ausgewiesen, da nur in der konkreten Unterrichtssituation über den jeweiligen Ort der Behandlung entschieden werden kann. Auf eine dritte Möglichkeit sei besonders hingewiesen:

Die Schüler haben vor der unterrichtlichen Besprechung den Text gelesen. Die Behandlung wird mit einer „Kartenabfrage“ eröffnet: Jeder Schüler notiert auf Karteikarten mindestens vier Themen/Probleme, die seiner Meinung nach wichtig für „Parzival“ sind. Die Karten werden dann nach großen Themenbereichen sortiert. Der weitere Unterricht wird zunächst von diesen Themen her bestimmt: Den einzelnen Themen können sich Schülergruppen zuordnen, die dann diese Themen bearbeiten. In einem anschließenden kursorisch orientierten Längsschnitt wird ein Gerüst angeboten, in das sich die Gruppen einklinken können, wenn sie Wichtiges beizutragen haben. Wird ein von einer Gruppe bearbeitetes Thema aktuell, so übernimmt die Gruppe den Unterricht, bis ihr Thema geklärt ist. Die „Kartenabfrage“ eines meiner letzten Kurse (1995) ergab folgendes Bild (die einzelnen Fragen/Probleme sind bereits geordnet):

 

1. Parzivals Entwicklung

—        Parzivals Weltanschauung und Erziehung

—        Parzivals Erziehung und ihre Auswirkungen

—        Der Aufstieg Parzivals vom Trottel zum Gralskönig

—        Warum darf sich Parzival so viele Fehler erlauben?

2. Gral

—        Unterschied zwischen Gralsrittertum und Artusrittertum (3x)

—        Bedeutung des Gralsrittertums

—        Was hat es mit dem Gral auf sich? Gab es ihn wirklich magischer Gegenstand?

—        Bedeutung des Grals (3x)

—        Was macht den Gral so wichtig?

—        Wieso ist gerade Parzival der Auserwählte?

—        Welche Rolle spielt Artus in Parzivals ritterlichem Werdegang?

—        Warum wird Parzival ein zweites Mal zum Gral berufen?

3. Rolle der Frau

—        Stellung der Frau im Mittelalter

—        Rolle und Stellung der Frau im Parzival (Rechte und Behandlung)

—        Warum werden die Frauen so stark verehrt?

—        Die Veränderung des Verhaltens Parzivals gegenüber der Frau

—        Parzivals Beziehung zu den Frauen

—        Warum waren im Mittelalter alle Frauen schön?

4. Gawan

—        Geschichte Gawans

—        Welche Rolle spielt Gawan in dem Stück?

—        Warum ist die Gawan-Handlung so ausführlich beschrieben?

—        Parallelen zwischen Gawan und Parzival

—        Beziehung zwischen Parzival und Gawan

—        Warum stellt Wolfram dem Haupthelden Parzival eine Art Nebenheld gegenüber?

—        Warum spielt Gawan auch eine wichtige Rolle bzw. gibt es Unterschiede zwischen Parzival und Gawan?

—        Wird Gawan als Kontrast zu Parzival gewählt?

—        Warum wird die Parzival-Handlung durch die Gawan-Handlung durchbrochen?

5. Religion/Gott

—        Rolle der Religion innerhalb der ritterlichen Gesellschaft

—        Die Gottesfrage in Beziehung auf Parzival und sein Schicksal

—        Parzivals Einstellung zu Gott (Entwicklung vom Ungläubigen zum Gläubigen)

—        Bedeutung der Erfahrung beim Einsiedler Trevrizent

—        Beziehung Parzival Trevrizent

6. Ritterideal/Mittelalter

—        Ritterideale und ihre Bildung

—        Frage nach dem Sinn des ritterlichen Handelns

—        Waren alle Ritter im MA wie Parzival treu?

—        Vergleich MA Wirklichkeit Parzival?

7. Parzivals Verwandtschaft

—        Rolle der Familie des Parzival?

—        Warum sind die Figuren im Stück so zahlreich und wie kann man die Beziehungen untereinander darstellen?

—        Die Beziehung der Ritter untereinander und zu Parzival

—        Personelle Verflechtungen

—        Verwandtschaft zwischen den Figuren im Roman

—        Beziehung Parzival Feirefiz

—        Zu Parzivals Bruder Feirefiz: F. dient ja zur Kontrastierung des Parzival; warum wird F. oft stärker, mächtiger als Parzival dargestellt? Dadurch verliert der Held in gewisser Weise an Ansehen.

—        Die Rolle der Geschichte Gahmurets. Wie wichtig ist sie für Parzival, welche Auswirkungen hat es auf Parzival, dass Gahmuret sein Vater ist?

—        Die Bedeutung der Ermordung Ithers durch Parzival

 

Behandlung im Unterricht

 

Die Besprechung orientiert sich an der thematischen Gliederung des Werkes. Dabei werden einzelne Schwerpunkte intensiver untersucht, anderes wird mehr kursorisch behandelt. Eröffnet wird der Unterricht mit einem Gespräch, in dem die Schüler/die Schülerinnen von ihren Leseerfahrungen berichten (Lesetagebuch) und die Probleme nennen, die sie behandelt haben möchten. (Insofern kann im Folgenden nur eine Orientierungshilfe angeboten werden. Modifikationen sind im konkreten Fall unausweichlich.)

Werden Schwerpunkte angegangen, so wird das im Text ausgewiesen, ebenso wird die „Rückkehr zur thematischen Gliederung“ vermerkt.

 

1   Die Verstehenshilfen (stiure) des Autors

 

Ohne die in der Fachwissenschaft einen breiten Raum beanspruchenden Diskussionen um den zwivel auszuloten, sollte doch der Texteingang und die dort angesprochene Grundproblematik behandelt werden, insofern sie

—        Wesen und Verlauf der Parzival-Handlung umreißt und

—        die ethisch-religiöse Grundproblematik, wie sie Wolfram sieht, spiegelt.

 

1.1    Das Bild der Elster und die menschliche Grundsituation

Im Menschen stehen sich zwivel und unverzaget mannes muot gegenüber. Er entscheidet sich entweder für den zwivel und damit für die unstaete oder für die staete. Im Schema:

 

  

 

1.2    Die zweite Bedeutung des zwivel (bezogen auf den Ritter Parzival)

In dieser Version markiert der zwivel die Position zwischen staete und unstaete, zwischen Gott und Welt. Der Ritter wird gedacht in der Entscheidung, wobei die Opposition Gott Welt hier schon im theologischen Sinn zu sehen ist. Der zwivel markiert demnach gewissermaßen eine „Grundbefindlichkejt“, die allerdings in der Entscheidung überwunden werden kann.

Im Schema:

 

 Die hier sich abzeichnende Opposition von Gott und Welt kann nicht als Konstitutiv für das ritterliche Weltbild angesehen werden. Der Ritter etwa der Artusepik war im Gegenteil von der Möglichkeit einer harmonischen Verbindung beider „Bereiche“ überzeugt. Im Unterricht kann hier falls sich die Diskussion in die entsprechende Richtung bewegt die Erörterung der Frage eingeschoben werden. Das vorliegende Konzept sieht sie zu einem späteren Zeitpunkt (Gurnemanz - Trevrizent) vor.

 

1.3 Wolframs Anspruch des „Neuen“ (4,9—13)

Wolfram lesen; Wie versteht Wolfram hier sein Unternehmen“?)

 

2    Die Vorgeschichte: Parzivals Herkunft (,‚Prädisposition“)

 

2.1 Der Vater Gahmuret

•  Kennzeichnung: der kiusche und der vreche/Gahmuret der wigant

•  Die Ziele seiner Ausfahrt: Ritterschaft üben; sich im Kampf bewähren; um Minnelohn dienen

•  Der „Grund“ seiner Ausfahrt: min herze iedoch nach hoehe strebet (9,23—26); ich var durch mine werdekeit / nah ritterschaft infremdiu lant./ frowe, ez ist mir sus gewant. (11,6—8) (Die Parzival bestimmende art wird hier vorgezeichnet.) In Wirklichkeit aber: In Anschouwe gilt das frz. Erbrecht: Nur der Erstgeborene erbt, alle andern müssen sehen, wo sie bleiben (Ausfahrt, geistl. Amt ...)

Der Geschehensablauf

•  Bei baruc in Baldac: baruc als der mächtigste Herrscher auf Erden; das neue Wappen Gahmurets (weißer Anker) (Wappenwechsel: Zeichen für die endgültige Loslösung von seiner Familie); Ankunft in Zazamank

•  Belacane, die Königin von Zazamanc (16,8: diu süeze valsches ane); Belagerung durch Isenharts Verwandte; Gahmuret wird um Hilfe gebeten, sagt zu und zieht in die Stadt ein; Audienz bei Belacane (ir kiusche was ein reiner touf 28,14); Gahmuret bleibt nicht ganz kühl (29,6—7 auch: 29,14—16): Kampf, Sieg; Minnelohn(44,27—30); Hochzeit, Versöhnung, neue Lehensvergabe

•  Gahmuret zieht los: Ursache: Sehnsucht nach „Ritterschaft“; Gefahr des „sich verligens“. Der Begriff könnte anhand des folgenden Hartmann-Textes näher erläutert werden:

 

Exkurs: sich verligen

Situation: Iwein hat geheiratet und hat keinen Sinn mehr für ritterliche Abenteuer. Er fällt in Untätigkeit und sein Freund Gawein macht ihm Vorhaltungen:

 Textfeld: iu hât erworben iuwer hant 
ein schoene wip unde ein lant. 
sît iu nû wol geschehen si, 
sô bewaret daz dâ bî 
daz iuch iht gehoene 
iuwers wibes schoene. 
geselle, behüetet daz enzît 
daz ir iht in ir schulden sit 
je des werdent gezigen 
daz si sich durch ir wîp verligen.
ir hât des juh genüegen sol:
darunder lêre ich iuch wol 
iuwer êre bewarn.
jr sult mit uns von hjnnen varn:
wir suln turnieren als ê. 
mir tuot anders iemer wê 
daz ich iuwer künde hân, 
sol iuwer rîterschaft zergân.
 (Text aus: Hartmann v. Aue: Iwein; 2789—2806)
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

•  Die Begründung im Brief: „religiöse Sünde“; Belacanes Schmerz; Feirefiz wird geboren; Gahmuret landet nach einem Jahr in Sevilla

 

2.2 Die Mutter Parzivals

•  Das Turnier vor Kanvoleis: der Turnierpreis: Herzeloyde; Gahmurets großer Auftritt; Gahmuret greift in das Turnier ein; Herzeloyde besucht am Abend Gahmuret und „beansprucht“ ihn; das Turnier wird beendet; Gahmuret wird der Preis zugesprochen; Gahmurets Einwände (Belacane) Herzeloydes Gegenargument (des toufes segen hat besser craft); die Entscheidung des Schiedsgerichts und Gahmurets Bedingung: frei bleiben, um auch künftig auf Fahrt gehen zu können; Gahmuret ändert sein Wappen

•  Gahmuret reitet erneut aus: die Ausfahrt; Herzeloydes Traum (104,11—15); Gahmurets Tod; Herzeloydes Schmerz; Parzivals Geburt (aller ritter bluome 109.11)

 

3  Wolframs Selbstbekenntnis

 

•  114,12—13; 115,11: schildes ambet

•  Frage der „Kunst“: Bücherwissen wird abgelehnt; eigenständige Kraft; eigenes Erleben als Basis

•  Neues als Ergebnis individuellen ..Schöpfertums“ (115.14)

An dieser Stelle könnten einige Fragen/Probleme angesprochen werden:

bullet

 Was zeichnet die Eltern Parzivals aus (positiv wie negativ)?

bullet

 Warum widmet W. den beiden so viel Raum? Warum holt er so weil aus?

bullet

 Warum wird besonders der Vater zumindest in seinem Verhalten gegenüber den Frauen recht negativ gezeichnet?

bullet

 Wie sind die Motive, die das Verhalten des Vaters, Belacanes und der Mutter steuern, zu beurteilen? (Hier muss zunächst versucht werden, aus der Zeit heraus zu urteilen. Die Texte im Anhang könnten vielleicht eine Hilfe sein.)

 

Exkurs:          Grobgliederung des Hauptteils

Buch 3—6                 Parzival  Berufung und Versagen vor dem Gral;  Tumbheit; der junge Parzival

Buch 7,8                    Gawan   Der Ritter bewährt sich in der (ritterlichen) Welt; zwivel des Parzival; Gawan

                                                            Parzival

Buch 9                       Trevrizent Umkehr Parzivals; Verheißung/Gnade; neues Suchen

Buch 10—13             Gawan   Bewährung des Ritters; Parzivals Suche; Gawan Parzival

Buch 14, 15               Parzival   : Bewährung und erneute Berufung/Überwindung und Gnade; Parzival

                                                            Gawan Feirefiz

Buch 16                     Gral :      Erfüllung; P. als Graiskönig

 

Hinweis: Es handelt sich bei der Bucheinteilung nicht um Wolframs Einteilung, sondern um die von Karl Lachmann!

 

Anmerkungen zur Gawan - Handlung: Umrahmung des 9. Buches durch die Gawan - Handlung; P. taucht immer wieder am Rand auf; P. „steht in der Sünde“, das wird deutlich in der Spiegelung des .‚Weltmannes“ Gawan; vielleicht kann man sogar P. und Gawan als „Doppelung“ sehen, d. h. als Trennung eines Ganzen in zwei Figuren; so wird im Kampf Gawan P. die doppelte Gawan - Phase und das zweifach akzentuierte „Kampfstadium“ Parzivals abgeschlossen.

 

Fortsetzung:     inhaltlich-thematische Gliederung

 

4   Parzival, der tumbe tor

 

4.1    Kindheit im Wald

•  Herzeloyde zieht sich zurück (117,1 ff.): triuwe als Grundeigenschaft; Parzival wird abgeschirmt von der ritterlichen Welt; an küneclicher vuore betrogen 118,2; kindliche Schießübungen; Gesang der Vögel berührt ihn seltsam; Tötung der Vögel auf Befehl der Mutter; Frage nach Gott (119,17) und die Antwort (119,19); Umgang mit dem Gabylot

•  Begegnung mit den Rittern: P. verhält sich als toerscher waleise (121,5); wird erstmals über Rittertum „aufgeklärt“; Andeutung: auch P. ist „von ritters art“ (123,11); tumbheit als „Mangel an Verstand“? P. berichtet der Mutter von der Begegnung und teilt seinen Entschluss mit, zu Artus zu gehen; das Entsetzen der Mutter

•  Die Ausfahrt: der erbärmliche Gaul; das Narrenkleid; die Lehren der Mutter (127,11—128,10)

 

4.2 Erste Erfahrungen

•  Begegnung mit Jeschute (P. in seiner tumpheit): Parzival nimmt einiges „wörtlich“; Jeschute bekommt Ärger mit Orilus

•  Begegnung mit Sigune: P. zeigt Mitleid (er ist also „mitleidsfähig“); Sigunes Jammer; Sigune erkennt das Wesen Parzivals: du bist geborn von triuwen, / daz er dich sus kan riuwen. (140,2); Sigune erkennt Parzival: der nam ist rehte enmitten durch (140,17)

•  Abend beim Fischer

•  Erste Begegnung mit Ither

•  P. überbringt dem Hof die Botschaft Ithers

•  P. vor Artus: er will Ritter werden: erhält den Kampf-Auftrag; Vorankündigung: das Lächeln Cunnewares

•  Der Kampf mit Ither (unritterlich: Gabylot); P. übernimmt Rüstung und Pferd des toten Ither

•  Ankunft bei Gurnemanz (161,17 ff.)

 

4.3 Bei Gurnemanz in der Lehre

•  Die rätselhafte Narrenkleidung

•  Erste Lehre: (169,17—20) der wirt zer messe in lerte; neuer Name: „Roter Ritter

•  Zweite Lehre (170,7ff): höveschheit: ein Mensch ohne Scham taugt nichts; den Notleidenden helfen (Freigiebigkeit, Güte); in allen Situationen maßvoll und großmütig; schweigen lernen; den bezwungenen Gegner schonen; Vorsicht in Minne-Angelegenheiten; Belehrung (172,30 ff.)

•  Praktische Ausbildung; Waffenübungen

•  Gurnemanz möchte P. mit Liaze verbinden; P. hat anderes im Sinn

  

Exkurs: Aspekte eines Ritterbildes der Artusepik

(Zum Folgenden sollte auch Text 1 im Anhang herangezogen werden.)

Die Lehren des Gurnemanz bleiben ganz im Rahmen der Vorstellungen, wie sie die Artus-Epik bestimmen. Es ist daher gerade, um die für Wolfram später entscheidenden Abweichungen und neuen Gesichtspunkte verständlich machen zu können, notwendig, wesentliche Züge des gängigen Ritterbildes zu erarbeiten. Die folgenden Textausschnitte bieten sich an.

Hartmann v. Aue, Iwein

ich sprach ich will dich wizzen lân

ich suoche âventiure

dô sprach der ungehiure

âventiure? waz ist daz?

daz wil ich dir bescheiden baz.

nu sich wie ich gewâfent bin:

ich heize ein riter und hân den sin

daz ich suochende rite

einen man der mit mir strîte

der gewâfent si als ich.

daz priset in, ersleht er mich;

gesige aber ich im an,

sô hât man mich vür einen man,

und wirde werder danne ich si.

si dir nu nâhen ode bi

kunt umbe solhe wâge iht,

daz verswic mich niht

unde wise mich dar,

wand ich nâch anders nihte envar.

alsus antwurt er mir dô

 sit din gemüete stât alsô

daz du nâch ungemache strebest

und niht gerne senfte lebest:

ichn gehôrte bi minen tagen

nie solhes niht gesagen

waz âventiure waere,

doch sag ich dir ein maere:

wil du den lip wâgen

sone darftû niht mê vrâgen.

hie ist ein brunne nâhen bi

ûber kurzer mile dri.

zewâre unde kumestû dar

und tuostû im sin reht gar,

 tuostu danne die widerkêre

âne grôze din unêre

sô bistû wol ein vrum man,

dâne zwivel ich niht an.

waz vrumt ob ich dir mêre sage?

ich weiz wol, und bistû niht ein zage,

so gesihestû wol in kurzer vrist

selbe waz diu rede ist.

 

Gottfried v. Straßburg:

Tristan Tristan sprach: lat die rede wesen!

durch got versinnet iuch doch noch:

nu sit ir an gebürte doch

allen künegen ebengroz

und aller keisere genoz,

und wellet iuwer edelen kint

diu iu geliche edele sint,

versellen und versachen

und ze schalken machen?

und ist daz, daz ir keinen man

 niht muget geherzen hier an,

 daz er durch iuwer aller leit

und durch des landes armekeit

getürre nach dem rechten

in gotes namen vehten

gegen dem einem manne,

geruochet ir es danne

an got gelazen unde an mich,

deiswar, ir herren, so wil ich

mine jugent und min leben

durch got an âventiure geben

und wil den kampf durch iuch bestan:

got laze in iu ze guote ergan

und bringe iuch wider ze rehte!

 

Virginal 110.8 f.

seht, diz sint âventiure

 ir lernent dulden ungemach

und hânt iu daz ze stiure

sît iuwer hant sô hôhen prîs

daz man vil êren an iuch lât

durch werdiu wîp ervohten hat.

 


Hinweise zur Besprechung:

Anhand des Hartmann-Textes lässt sich der Begriff Aventiure inhaltlich füllen, die weiteren Begriffe werden in ihren Strukturzusammenhängen erkennbar. Aventiure bedeutet den lip wagen, was wiederum konkrete Verhaltensweisen fordert, andere (z. B. sich verligen) ausschließt. Aventiure steht in Opposition zum senfte leben des ungehiure, bleibt dem Ritter vorbehalten, wird ihm aber, will er Ritter sein (und bleiben), zur Pflicht. Die Begriffe im Schema:

 

Auf die Frage nach einem Regulativ können die weiteren Texte, aber auch die Ritterlehre des Gurnemanz eine erste Antwort geben.

Dem Begriff Aventiure lassen sich zwei Felder zuordnen: einmal das Feld des Handelns (unsenfte leben), und zum andern das Feld ethischer Rechtfertigung, signifikant im Begriff der &e, dem zuzuordnen sind: rehter mâze jr orden, manlich und wolgemuot, herl jeher muot. Im Schnittpunkt beider Felder steht der vrum man, für den beide Felder sich gegenseitig ergänzen und vor allem: beschränken.

Die Struktur der tragenden Begriffe aus dem Feld der Ethik könnte man so darstellen:

 

 

Im Schülerreferat (oder Lehrervortrag) sollten hier eingebracht werden:

•   soziale Situation des Ritters (Wehrstand in semiotischer Opposition zum Nährstand; Lehenspyramide; Lehensvergabe; Pflichten)

•   ideologische Situation des Ritters (transzendente Rechtfertigung: Zwei-Schwerter-Theorie; immanente Rechtfertigung: Schützer der Schwachen und der Kirche; Garant von Recht und Ordnung)

 

Zum Verhältnis Gott Ritter:

Gedacht als Abbild irdischer Lehensverhältnisse; Gott ist eine kalkulierbare, weil immanent gedachte Größe (Das gilt auch noch für Gurnemanz!). So stehen die drei Leitgrößen annähernd gleichberechtigt nebeneinander. Ihnen entsprechen die jeweiligen (ethischen) Handlungsanweisungen. Im Schema:

 

 

Das Grundmodell der ritterlichen Verhaltens- und Lebenskonzeption ist wohl im Lehensmodell zu sehen. Dieses Modell erfasst in der Form des Hohen Mittelalters nicht nur das Verhältnis von Lehensherr und Lehensmann, sondern es „reguliert“ auch die Beziehungen Ritter Gott und Ritter frouwe. Leitgröße ist die triuwe. Wird sie verletzt, ist der jeweilige Partner berechtigt, das Verhältnis aufzukündigen. (Genau das tut Parzival, wenn er sich von Gott lossagt in der Meinung, dieser habe seinen Teil des Vertrags nicht erfüllt.)

 

Parzivals neue Lebensphase: (179,23) der tumpheit ane

 5.1 Zufall und Fügung

•  Parzival überlässt seinem Pferd die Führung und kommt nach Peirapeire:

Gedanken an Liaze; vor Peirapeire

•  Einzug in Pelrapeire; bewaffnete, hungernde Bewohner; ungebrochener Verteidigungswille; die Ursache der Belagerung

 

5.2 Parzival und Condwiramurs

•  Erste Begegnung; Vergleich mit Liaze (188,2—5)

•  Die Not der Stadt

•  Der nächtliche Besuch der Königin bei Parzival (Nein! Nicht so! sagt Wolfram 192,10—12); die Erzählung der Königin

•  Kampf und Sieg: Parzivals Kampf gegen Kingrun (Seneschal der Belagerer); Parzivals Sieg; Unsicherheit im Lager der Feinde

•  Condwiramurs erklärt ihre Liebe (199,26—28)

•  Parzival und Condwiramurs teilen das Lager (202,21 ff.)

•  Die Angreifer scheitern erneut; Parzival besiegt Clamide und schont ihn

•  Parzival reitet erneut aus: Suche nach Herzeloyde; Verlangen nach äventiure

 

5.3 Die erste Begegnung mit dem Gral

•  Begegnung mit dem Fischer am See: die „merkwürdige Einladung“; Warnungen vor den Gefahren des Weges; Mahnung: so danken, wie man ihn aufnimmt

•  Der Empfang auf der Burg: die trauernde Burg; freundliche Aufnahme und Bewirtung; Empfang bei dem leidenden König (Darstellung des Raums; der König; der Jammer beim Anblick der Lanze)

•  Der Gral: Auftrittszeremonie; der Gral (235,21—24); lässt sich nur von der Königin tragen

•  Die Bewirtung: Gral als Spender (238,2 1—24)

•  Parzivals Zurückhaltung: durch zuht in vragens doch verdroz (239,10); waz ob min wesen hie geschiht / die mäze als dort pi im? (bei Gurnemanz; 239,14/15); Schwert als Geschenk; weiteres Schweigen

•  Klage des Dichters (Erzähltechnik: Vorausdeutung) 240,2 ff.

•  Parzivals Unwissenheit: die Nacht auf der Gralsburg; unruhige Träume; P. kann sich die Zusammenhänge nicht erklären; P. will helfen, falls „Kriegsnot“ (denkt als „Ritter“)

•  Parzivals Abschied: P. wird verabschiedet und reitet weg (247,26 f.): (jr sult varen der sunnen haz mit dem „Hass“ der Sonne leben — ... jr sit ein gans)

•  Erste Andeutungen: P. hätte fragen sollen; P. hätte sein Mitleid bekunden sollen; künftige Sorgen (248,10—16)

•  Begegnung mit Sigune: P. ist von ihrem Leid ergriffen und bietet Hilfe an wiederum er ist mitleidsfähig!); P. erzählt von der Gralsburg; Sigune kann das zunächst nicht glauben (man kann Munsalvaesche nur  unwizzende erreichen); weitere Kunde von der Burg und ihren Bewohnern; Sigune erkennt Parzival und prophezeit (252,5—8): Denn was die Lüfte bedecken, darüber wirst du erhoben sein: Dir dient das Zahme und das Wilde, die höchste Herrschaft ist dir bestimmt ...); Sigune erinnert sich Parzivals Mitleid und hofft für Anfortas; Parzivals Geständnis: ich han gevraget nicht (255,1); Sigunes Entsetzen (255,20): jr lebt und sit an saelden tot

•  Begegnung mit Jeschute: Jeschute muss immer noch büßen; Jeschute erklärt P. die Gründe; P. akzeptiert seine Verantwortung; zeigt Mitleid; scheut kein Risiko; Kampf gegen Orilus: P. als Sieger; Parzivals Schwur: Jeschute ist unschuldig; Orilus bei Artus und Cunneware

 

Exkurs: Die Rolle der Frau im Mittelalter

Möglicherweise ergibt sich im Rahmen der Besprechung der bisher aufgetretenen Frauengestalten (Belacane, Herzeloyde, Condwiramurs, Sigune, Jeschute) die Notwendigkeit, über die Rolle der Frau im Mittelalter, aber auch in der Literatur und insbesondere bei Wolfram zu sprechen. Herangezogen werden könnte Text 2 im Materialanhang.

Folgende Gesichtspunkte könnten u. a. angesprochen werden:

•  Wolframs Frauenbild lässt eine Hochschätzung der Frau erkennen, sofern diese sich als „würdig“ erweist (Herzeloyde, Sigune, Condwiramurs).

•  Bei aller Hochschätzung: Die Frau ist dem Mann immer unterlegen: Als Herrscherin ist sie Angriffen ausgeliefert und braucht Hilfe; als Witwe ist sie den Angriffen der Männer ausgesetzt; als Verteidiger ist sie in schwacher Position; nach der Hochzeit übernimmt der Mann das Regiment (und behält sich das Recht auf weitere „äventiuren“ vor).

•  Wolfram zeigt verschiedene Formen der Gewalt gegenüber Frauen: Gewalt, wenn es um Fragen der Macht geht; Gewalt in sexueller Hinsicht; körperliche Gewalt; Züchtigung.

Die folgende Gegenüberstellung stellt das Ergebnis einer kurzen Gruppen-arbeit zu einem Teilthema dar.

 

Frauen, die zu viel for-                        Frauen, die misshandelt               Gegensatz der inneren

dern (z. B. Orgeluse,                           werden (z. B. Cunne-                    und äußeren Werte

Belakane, Sigune)                               ware, Jeschute)                             (Orgeluse Cundri)

____________________________________________________________________________________

Frauen stellen zu                           Die Züchtigung dient                 Orgeluse stellt das

hohe Anforderungen an                    als Strafe, z. B. bei                         Gegenteil von Cundri

den Mann, der deshalb                      Cunneware (A 151 ‚                         dar.

stirbt                                                V 2 1—30) sie werden             Cundri ist hässlich

Ihr Schmerz und ihre                     entwürdigt, indem sie                   (A 312, V 1 ff.), jedoch

Trauer zeigen, dass                             geschlagen und miss-                  hat sie einen guten

ihnen vorher die Aus-                        handelt werden (Oft                     Charakter (A 792,

maße nicht bewusst                            nur wegen eines unbe-                V 16 ff.)

waren und sie den Tod                      rechtigten Verdachts,                   Orgeluse ist sehr

keinesfalls beabsichtig-                     z. B. Jeschute, A 256,                   hübsch, jedoch falsch

ten (A 141, V 16—24,                         V 16—19)                                        (A 508,V 19—30) (siehe

Sigune; ebenso bei                                                                                      auch 1. Spalte)

Belakane)

Orgeluse ist es

bewusst! (Schadenfreu-

de) (A 521, V 25—28;

514 V 6-8

 

Parzivals Beziehung zu den Frauen am Beispiel Condwiramurs und Sigune

 

Für W. v. Eschenbach ist die Minnebeziehung Parzivals mit Condwiramurs dievorbildlichste, weil beide sich wirklich treu bleiben (trotz vieler Angebote) (A 801, V 4—14. A 802, V 1—8).

Beweis für Parzivals Treue ist die Szene mit den drei Blutstropfen im Schnee (A 282, V 24 ff.). Condwiramurs wartet fünf Jahre auf Parzival.

Sigune ist sogar treu bis in den Tod (A 532, V 10).

Untreue wird bestraft (z. B. Anfortas und Klinschor; A 532, V 1—6).

 

5.4 Parzival bei Artus

•  Artus sucht nach Parzival (280)

•  Parzival im Schnee: Ausgangssituation: Schnee, Falke, Gänse, drei Bluts-tropfen; die magische Kraft des Bildes; P. vergisst seine Umgebung; die Macht der Minne: 290, 26—30: der truoc der minne grozen last ...; 296,5—8:

sine gedanke umbe den gral / unt der künigin glichiu mal ...; den „Rest“ erledigt er nebenbei und bleibt immer wieder Sieger

•  Bei Artus: Ankunft; Aufnahme in die Tafelrunde

•  Die Auflösung der Tafelrunde: Kundri, die Gralsbotin, tritt auf und verflucht Parzival (3 15,20—25); der Vorwurf: P. sei ungerührt geblieben, denn er habe nicht gefragt; der Aufruf zur Aventiure vor Munsalvaesche

•  Kommentar Wolframs: Was haben nun Kühnheit, Zucht und Mannhaftigkeit genutzt?

•  Anklage gegen Gawan und Herausforderung zum Kampf

•  Erste Berichte von Feirefiz

•  Parzivals Reaktion: Entsagung und Vorsatz (329,25—30); erste Infragestellung der ritterlichen Erziehung bei Gurnemanz; Parzival bricht auf; artikuliert seine „Bewertung“ der Situation:

 

we waz ist got?

waer der gewaldec, sölhen spot

het er uns peden nicht gegebn,

kunde got mit kreften lebn (332,1—8)

 

erster „Ausweg“ aus dem zwivel: neues Selbstbewusstsein (332,9—14)

Erzählereingriff: schildes ambet umbe den gral; die minnecliche Condwiramurs, der die kommenden Aventiuren gelten.

 

Exkurs: Worin ist Parzivals Schuld zu sehen?

(Hinweis: Die Frage wird bei der Behandlung des 9. Buches erneut aufgegriffen; sie sollte also hier nur andiskutiert werden. Die Texte 3 und 4 im Materialanhang können schon hier herangezogen werden. Fragerichtung: Was demonstriert Wolfram an der Figur des Parzival?)

1) Beschreibung des bisherigen Verhaltens von Parzival: die bisherigen Belehrungen.

•   Leben im Wald: behütet, weltfern, unritterlich

•   Lehren der Mutter: genügen „für den Wald“; Absicht: Zwang zur Rückkehr; Folgen: Scheitern in ritterlicher Umgebung

•   Lehren des Gurnemanz: genügen für ein konventionell-ritterliches Leben; Absicht: als vollkommener Ritter bestehen; Scheitern in der unerwarteten (außerordentlichen) Situation

2) Vermutungen: neue Ethik wird notwendig, die die aventiure überhöht; Leitgröße: erbermde.

 

 Im Schema: das Verhaltensmuster, das jeweils zum Scheitern führt (die lateinischen Termini verweisen auf Augustinus; siehe hierzu Exkurs im Folgenden sowie Text 4 im Materialanhang)

 

 

Exkurs (Vertiefung für „theologisch Interessierte“): Augustinus

(Siehe hierzu auch Text 4 im Materialanhang; über die Erarbeitung dieses Textes könnte es in einem interessierten Kurs möglich sein, die Schuld-Frage von der mittelalterlichen Theologie her zu vertiefen. Einzelne Gedanken aber sollten in jedem Fall behandelt werden, gerade um das Selbstbewusstsein der Gegenwart etwas zu relativieren.)

•  Wolfram betont Parzivals triuwe im zwischenmenschlichen Verhalten, d. h.: Bruch der triuwe als Schuld unwahrscheinlich

•  Alle Taten Parzivals werden auf seinen „Grundtrieb“ der „Lust zur Welt“ zurückgeführt: concupiscentia carnis

•  Das Versagen aus „tumbheit“ (ignorantia) ist nicht ein pecatum im Sinne einer individuell zu verantwortenden „echten“ Sünde, sondern eine poena peccati im Sinne einer Folge aus der Erbsünde

•  So hat nun P. schwer gesündigt, da er den Tod der Mutter verursachte und Ither selbst tötete

•  Für Augustinus steht die caritas im Mittelpunkt der Sittlichkeit: d. f. (ex negativo): cupiditas = Abwesenheit der vollen Willenshingabe an Gott

•  Parzival verkennt die bonitas Dei: we was ist got. Er zieht in die Welt und verfolgt „immanent ehrgeizige“ Ziele (ganz, wie es sich für einen Artusritter gehört). Damit geht er am (transzendental orientierten) Gralsrittertum vorbei. Er lässt wesentliche Motive vermissen und kann so den Gral nicht erreichen: Humilitas (diemuot) als erste Bedingung für die Gnade (gratia).

Ablaufmuster:

•  superbiaà cupiditas (Abwesenheit der caritas) à Ausritt (= erster Verstoß gegen die caritas)

•  cupiditas. superbia à Ithers Tötung (= zweiter Verstoß)

•  Fehlende diemuot à unfähig zur Gnade (Gral)

•  Gipfel der Abwendung: zwivel

•  Im Vorgriff auf Buch 9: Wiederbelebung ist nur durch Gottes Gnade möglich; Augustin: sündentilgende Kraft der confessio; Wolfram/Parzival: ich bin ein man der sünde hat

Anmerkung: Die hier skizzierten Deutungsansätze müssen nicht unbedingt übernommen werden, sie lassen aber m. E. erkennen, dass sich Wolfram mit theologischen Fragen seiner Zeit auseinander setzte und sehr wohl einen eigenen, von der herrschenden Meinung abweichenden Standpunkt vertrat. Dies wird durch weitere Befunde etwa den Gralskult oder die Funktion des Laien Trevrizent unterstützt. Überall steht Wolfram gegen die „Amtskirche“. (Siehe hierzu weiter unten mehr.)

 

Fragen, denen man nachgehen kann:

 

Ø      Wie ist die Frage nach „Schuld" zu bewerten? (aus zeitgenössischer wie aus heutiger Sicht!)

Ø      Man tut sich schwer, heute von „Sünde“ zu sprechen. Dennoch: Sind in der Gegenwart Strukturen denkbar, wie sie Wolfram für seine Zeit andeutet?

Ø      Welche Veränderungen des Gottesbegriffs kündigen sich an?

Ø      Welche Veränderungen im Selbstbewusstsein des Ritters werden angesprochen?

Ø      Was geschieht mit der ..Verankerung des Selbstbewusstseins“ im Stand? Wo setzt individuelle Verantwortlichkeit ein?

Ø      Welche Veränderungen ergeben sich für das (standesbezogene) Wertgefüge? (Welche Werte galten bisher? Wodurch werden sie in Frage gestellt?)

Ø      Welche Alternativen zeichnen sich ab? Wie reagiert der — selbstbewusste! —Ritter Parzival?

Ø      Wie kann jemand mit einer solchen Einstellung ‚. zur Einsicht“ gebracht werden?

 Das folgende Schema könnte den Einbruch verdeutlichen und die Funktion der Trennung in die Figuren Gawan - Parzival verdeutlichen:

 

6   Gawans Abenteuer

 

6.0    Einleitung: Wolframs Begründung für den „Abstecher“

 

6.1    Begegnung mit dem fremden Heer

•  Die Ursachen des Feldzugs

•  Gawans Entschluss mit zureiten

•  Begegnung mit Obie und Obilot (aus der Ferne): die Kämpfe vor der Burg und Stadt; Obie erkennt allmählich ihre Liebe zu Meljanz; Obie verspottet Gawan immer heftiger

6.2  Gawan und Obilot

•   Vater bittet Gawan um Hilfe

•   Obilot bei Gawan; Gawan in Obilots „Dienst“

•   Die neuen Kämpfe; Gawan wartet ab; Gawan greift in brenzliger Situation ein; Bericht: der Ungenannte (rote Ritter); Gawan besiegt Meljanz; Gawan besiegt Meljakanz

•   Der rote Ritter schickt die Besiegten nach dem Gral oder zu Condwiramurs

•   Ruhe nach dem Kampf; Versöhnung Obie — Meljanz; Abschied Gawans

 

6.3  Gawan vor Schanpfanzun

•   Begegnung mit dem König

•   Ankunft vor der Stadt

•   Gawan in der Stadt; Begegnung mit Antikonie; Gawan wird entdeckt und erkannt; der ungleiche Kampf (G. wird von Antikonie unterstützt); Kingrimursel greift ein; der König berät sich und sucht einen Ausweg: Gawan soll an seiner Stelle nach dem Oral suchen; Gawan stimmt zu

 

7   Parzivals innere Wandlung bei Trevrizent

 

7.0 Vorrede

Frau Aventiure soll Auskunft geben über Parzival;

Zusammenfassung der bisherigen Aventiuren Parzivals.

 

7.1    Der Weg zu Trevrizent

•   Parzivals 3. Begegnung mit Sigune: Ankunft vor der Klause; Sigunes Haltung; Gespräch mit Sigune über deren Lebensumstände (Trauer; P. wird erkannt; Frage nach dem Oral): Sigunes Rat (442,9 f.) nu helfe dir des hant, dem aller kumber ist bekant

•   Weitere Suche: Parzival reitet weg und verfolgt Kundris Spur. verliert sie aber bald, Kampf mit dem Gralsritter: Begegnung mit dem pilgernden Ritter am Karfreitag; Belehrung über den „Karfreitag‘; Hinweis auf Trevrizent, bei dem P. Hilfe finden könnte; P. reitet allein weiter; Hinweis auf mögliche Umkehr: 451,3 ff.; manlichiu :ii/it, kiusch unt erbarmunge werden wieder wach; immer noch .‚ritterliche“ Gottesvorstellungen (451,21—22): ist hiut sin heiflicher tac,/so helfe er ob er helfen mac

 

7.2 Bei Trevrizent

•   Trevrizents Lebensweise; Einschub: Was hat es mit dem Gral auf sich? (453,1 ff.); Empfang bei Trevrizent; Parzivals erstes Bekenntnis: her nu gebt mir rat:/ich bin ein man der sünde hat (456,29—30); Parzivals 2. Bekenntnis (460,28 ff.): Vorwürfe gegen Gott

·     Trevrizents Theologie: Geschichte der Sünde und Erlösung; Gotteslehre (466,1 ff.): Gott der ware minnaere, ein durchliuhtig licht; menschliches Tun ist hilflos gegenüber Gottes Größe; (467,5—10) welt ir nu gote vüegen leit,

•       Parzivals Reaktion: Freude; Erinnerung an seine leidvollen Erfahrungen

•       Trevrizents Bericht vom Oral: nur vom Himmel Berufene gelangen zu ihm (P. verschweigt, dass er schon dort war); die geheimnisvolle Kraft des lapsit exillis (469,7) (lebenserhaltend; Karfreitagsgeschehen: Epitaph); Parzivals Anspruch: Gott müsse ihm, der ritterlich gekämpft hat, zum Oral berufen (Problem der Gnade!)

•       Trevrizents „Belehrung“: senfter wille (Demut) als Voraussetzung (472,14; auch: 473,4); Erzählung von der Hybris des Anfortas (Einschub); Erwähnung des Toren, der einmal beim Oral war und ob seiner Teilnahmslosigkeit schuldig wurde (473,12—21)

•       Parzival gibt Auskunft über seine Herkunft

•       Parzivals Sünden

•       Bericht über Anfortas und sein Leiden; Mitleidsfrage als Erlösung

•      Bericht vom Ritter, dem „ sin tumpheit daz gebot/ daz er alda nicht vragte“ (484,28 f.)

•       Mittagspause

•       Fortsetzung des Gesprächs: Parzival gesteht, dass er der Ritter war, der nicht fragte; Trevrizents Rat: maßvoll klagen; nicht an Gott verzagen; Gott hat sich nicht von ihm abgewendet (489,20)

•       Erneut: Erzählung vom Oral; Parzivals Erlebnisse werden erläutert

•       Erneut: die doppelte Schuld Parzivals (499,17—22)

•       Rat: Buße tun und sich um sein Ende sorgen

•       Ende des Gesprächs am Abend

•       Zusammenfassung der restlichen Zeit: 15 Tage bleibt P. bei Trevrizent; der innere Wandel Parzivals (501,15—18); Trevrizents Wirken: löst P. von seinen Sünden(!); verweist auf den rechten Weg des Ritters; (502,25—27): gip mir din sünde her

•       502,28: belip des willen unverzagt (halte an diesem Entschluss fest)

 

Exkurs: Parzivals Schuld

(Das Folgende in Anlehnung an: Schwietering, Julius, Parzivâls Schuld; in: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur, Bd. 81; Berlin 1944)

 

1)     Parzivals Herkunft: „Anschewin“ wird nie für P. verwendet; mütterlicherseits stammt er aus dem Gralsgeschlecht und ragt damit über das Nur-Höfische hinaus.

2)     Der ritterlich-höfische Roman fordert harmonischen Ausgleich von Gott und Welt, wobei Gott gleichsam als ein Element der Welt bzw. des Gesamtsystems gedacht wird.

3)     Hartmann von Aue setzt dies als Grundlage seiner Ethik voraus und lässt es nicht als fragwürdig erscheinen.

4)     Bei Wolfram bricht der Konflikt aus:

•       Gesellschaftliches Scheitern provoziert Hass gegen Gott (der sich dem immanent-systematischen Denken entzieht)

•       Streben nach ritterlicher Vollendung (und nach dem — missverstandenen —Gral) bleibt vergeblich, solange es gegen bzw. ohne Gott geschieht

•       Gral als Symbol des Ineinander von Immanenz und Transzendenz; ritterliche Tugenden werden im Gralsbereich auf religiöse zurückgeführt und beziehen ihren Wert von der religiös zu sehenden Grundtugend der triuwe

•       Parzivals Weg zum Oral (religiös gesehen): Schuld-Sünde-Bewusstwerden der Verfallenheit an die Sünde-Erfahrung der göttlichen triuwe-diemuot (hier: Wandlung der superbia in diemuot)

•       Zum Moment der Unwissenheit (Gerade hier ergeben sich für den heutigen Menschen — und damit auch für den Schüler — die größten Probleme: Sünde setzt Verantwortung voraus; Verantwortung ohne Wissen ist nicht möglich; d. h.: der unwissende P. kann nicht verantwortlich gemacht werden.): Für die ma. Theologie war Sünde nicht nur willentliche Tat, sondern vielmehr auch und vor allem hereinbrechende Macht des Bösen (S. o.: Folge der Erbsünde)

•       Wie kann nun Parzival (und das heißt: wie kann der ritterlich denkende Zeitgenosse Wolframs) von dieser Macht überzeugt werden? (Dem Artusritter war gewissermaßen alles „machbar“, sofern er sich an die ritterlichen Spielregeln hielt; d. h.: auch Gott — wie übrigens das Böse — waren kalkulierbare Größen und damit auch: „verfügbare“ Größen.)

•       Parzival muss die eigene Schwäche und Ohnmacht erfahren. Extreme Form dieser Erfahrung: unwillentlich begangene ‚.Sünde“ und als Folge ein Scheitern, das durch eigene Kraft und Anstrengung nicht verhindert werden kann. Folge: erst jetzt empfindet P. seine Freudlosigkeit als Leiden an der Gottferne. Damit wird er bereit für die Gnade (Augustinus, s. o.)

•       Wolframs theologische Leistung: Reinigung des (zu sehr vermenschlichten) Gottesbegriffs (Infragestellung/Ablehnung des Lehensmodells als einer Darstellung des Verhältnisses Mensch — Gott); Infragestellung der „Amtskirche“ (Der Laie Trevrizent als Spender des Bußsakraments); Betonung der Gnade (Wobei, ähnlich wie bei Augustin! ein gerüttelt Maß Prädestination mitschwingt!) (Haben wir es hier mit einer Vorwegnahme lutherischer Gedanken zu tun?)

•       Voraussetzung und Äußerung des „Im-Stand-der-Gnade-Seins“: sozial verantwortliches Handeln auch über gesellschaftliche Konventionen hinweg (Mitleidsfrage trotz des Schweigegebots von Gurnemanz 2.5.)

 

8   Fortsetzung der Gawan-Handlung

 

8.0    Anknüpfung an Gawan-Handlung

•       Erinnerung an den Vertrag zwischen Gawan und Kingrimursel

•       Verzicht auf die Tjost nach einem Jahr aus Verwandtschaftsgründen

•       Ausfahrt beider nach dem Oral

 

8.1    Gawans Abenteuer vor Logroys

•       Begegnung mit dem verwundeten Ritter (0. behandelt ihn)

•       Weg nach Logroys und Begegnung mit Orgeluse: Orgeluses Schönheit (508,24—30); Begrüßung; Orgeluses Spott; Gawans „Beharrlichkeit“; erster Auftrag im Dienst Orgoluses (Pferd holen); Orgeluses Dank: Beschimpfungen

•       Begegnung mit Malcreatiure

•       Gawan heut den verwundeten Ritter und wird von diesem bestohlen

•       G. fängt Malcreatiures Pferd und wird weiter verspottet

•       Kampf mit Lischoys; G. gewinnt sein Pferd zurück

•       Begegnung mit dem Fährmann

 

8.2    Gawan wird zum Herrn von Schastel marveile

•       Die eigenartige Burg: 0. erwacht und fragt Bene nach den vielen Frauen auf der Burg; nach langem Zögern gibt der Fährmann Auskunft; Schastel marveile; Lit marveile; die großen Gefahren (557,8—14); der zu erwartende Lohn für die Befreiung der verzauberten Frauen; Bericht von Parzival, der am Vortag übergesetzt wurde, aber nichts von dem Geheimnis wusste; Gawans Vorbereitung auf den Kampf (Wappnung, Rat des Fährmanns, Geschenk: Schild)

•       Gawans Kämpfe: Ankunft vor der Burg; der prächtige Palas; Lit marveile:

der Raum, sein Boden; das Bett; Gawans Sprung; 0. unter dem Schild; der Steinhagel; die 500 Pfeile; Kampf mit dem Löwen; 0. sinkt ohnmächtig auf den Löwen; die Bewohnerinnen kümmern sich um Gawan; Arnive pflegt seine Wunden

•       Gawans Minnekrankheit: Vorwürfe des Dichters gegen „Frau Minne“

•       Gawan als Herr der Burg: G. erwacht; Säule; 0. rüstet sich zum Kampf (trotz der Schwäche); der Rat des Fährmanns; Gawan bleibt Sieger

 

2.8.3    Gawan erneut im Dienst Orgeluses

•       Neuer Spott und Ausfahrt; neuer Auftrag (Zweig vom gefährlichen Baum); der Sprung über die Schlucht (Sturz; Orgeluses Tränen); 0. bricht den Zweig; Begegnung mit Gramoflanz, dem Wächter des Baums; Bericht: Orgeluses Hass; Gramoflanz und G.s Vater Lot; Verleumdung; Kampfangebot; Verabredung eines großen Kampfes mit vielen Zuschauern

•       Orgeluse leistet Abbitte: Erzählung Orgeluses: Gramoflanz, Clinschor; Parzival lehnte ihr Angebot ab (d. h.: P. hat das höfische Rittertum und die äventiure im Minnedienst überwunden; neue Ausrichtung: Gral)

•       Feierlicher Einzug in Schastel marveile; Einladung an Artus

•       „Versöhnungsfeier“: 0. bleibt noch immer unerkannt; 0. gibt die geschlagenen Ritter frei; 0. bestellt den Auftrag von Gramoflanz an Itonje; das Fest; G.s Minnenacht

•       Einladung an Artus: G.s Bote bei Artus/Ginover; Artus sagt Hilfe zu

•       Das Wunder von Schastel marveile: Klinschors Macht und Geschichte; Arnives Geschichte

•       Ankunft von Artus: G.s Freude über das bevorstehende Wiedersehen; 0. gibt sein Geheimnis noch nicht preis; Aufbruch nach Joflanze

•       Heerlager vor Joflanze: Vorbereitung des Lagers; G.s Zug durch das Artuslager; Begegnung mit Artus; Versöhnung der Ritter; 0. erprobt seine Rüstung und begegnet einem unbekannten Ritter:

•       Zusammenführung der Handlungsstränge Parzival — Gawan

 

Mögliche Zwischenreflexion:

 Vergleich der Gawan-Handlung vor der Trevrizent-Begegnung Parzivals mit der nach dieser Begegnung: Wo taucht Parzival jeweils auf? Welche Ziele verfolgt er? Was bestimmt das Handeln Gawans?

 Gibt es für einen Ritter wie Gawan „Schuld“? Welche Form(en) der „EntSchuldung“ kommen in Frage?

 

 

9   Parzivals Rückkehr in die Tafelrunde

 

9.1    Der Kampf Parzival — Gawan

•       Einschub: Gramoflanz‘ Aufbruch

•       Beendigung des Kampfes: Die Boten kehren von Gramoflanz zurück; die Boten treffen auf die Kämpfenden und rufen Gawans Namen

•       Parzival beendet den Kampf (688,22—30)

•  Gawans Kommentar: du hast dir selben an gesigt,/ob din herze triuwen phligt (690,1 f.) (hier also Umkehrung des Ither-Motivs: Vermeidung der Tötung eines Verwandten)

Gramoflanz verschiebt den Kampf

 

9.2    Parzival am Hof von Artus

•       Begrüßung der vier Königinnen

•       Artus begrüßt Parzival; P. wird erneut in die Tafelrunde aufgenommen. (M. a.W: Parzival ist „entsühnt“ und wieder „gesellschaftsfähig“, wiewohl Kundriens Fluch noch nicht aufgehoben ist!); Parzival will für Gawan kämpfen

•       Kampf Parzival — Gramoflanz: Aufeinandertreffen und Kampfbeginn; Gawan rüstet sich zum Kampf; Parzival wird zum Sieger erklärt

•       Die Diplomatie des Artus verhindert den Kampf Gawan — Gramoflanz; Itonje erfährt von dem bevorstehenden Kampf; sie bittet Artus um Intervention; Artus bittet Gramoflanz zu sich: Begegnung am Artushof; Gramofianz verzichtet; Versöhnungsfest

•       Parzivals triuwe zu Condwiramurs (732,8 f.): Parzival kann am Fest nicht teilnehmen und zieht weiter (732,19—733,30)

•       Parzivals härteste Prüfung: der Kampf mit Feirefiz: Begegnung mit dem „Heiden“; Kampfbeginn (Speerkampf, Schwertkampf zu Pferd und zu Fuß); Einschub: Kommentar (741,21 ff.); Gottvertrauen Parzivals hilft; neuer Schlachtruf; P.s Schwert (das er einst Ither abgenommen hatte) zerbricht am Helm von Feirefiz; Feirefiz bietet Waffenruhe an und bittet um P.s

•       Heerlager vor Joflanze: Vorbereitung des Lagers; G.s Zug durch das Artuslager; Begegnung mit Artus; Versöhnung der Ritter; 0. erprobt seine Rüstung und begegnet einem unbekannten Ritter:

•       Zusammenführung der Handlungsstränge Parzival — Gawan

 

Mögliche Zwischenreflexion:

 Vergleich der Gawan-Handlung vor der Trevrizent-Begegnung Parzivals mit der nach dieser Begegnung: Wo taucht Parzival jeweils auf? Welche Ziele verfolgt er? Was bestimmt das Handeln Gawans?

 Gibt es für einen Ritter wie Gawan „Schuld“? Welche Form(en) der „Ent - Schuldung“ kommen in Frage?

 

 

9   Parzivals Rückkehr in die Tafelrunde

 

9.1    Der Kampf Parzival — Gawan

•       Einschub: Gramoflanz‘ Aufbruch

•       Beendigung des Kampfes: Die Boten kehren von Gramoflanz zurück; die Boten treffen auf die Kämpfenden und rufen Gawans Namen

•       Parzival beendet den Kampf (688,22—30)

•  Gawans Kommentar: du hast dir selben an gesigt,/ob din herze triuwen phligt (690,1 f.) (hier also Umkehrung des Ither-Motivs: Vermeidung der Tötung eines Verwandten)

Gramoflanz verschiebt den Kampf

 

9.2    Parzival am Hof von Artus

•       Begrüßung der vier Königinnen

•       Artus begrüßt Parzival; P. wird erneut in die Tafelrunde aufgenommen. (M. a.W: Parzival ist „entsühnt“ und wieder „gesellschaftsfähig“, wiewohl Kundriens Fluch noch nicht aufgehoben ist!); Parzival will für Gawan kämpfen

•       Kampf Parzival — Gramoflanz: Aufeinandertreffen und Kampfbeginn; Gawan rüstet sich zum Kampf; Parzival wird zum Sieger erklärt

•       Die Diplomatie des Artus verhindert den Kampf Gawan — Gramoflanz; Itonje erfährt von dem bevorstehenden Kampf; sie bittet Artus um Intervention; Artus bittet Gramoflanz zu sich: Begegnung am Artushof; Gramofianz verzichtet; Versöhnungsfest

•       Parzivals triuwe zu Condwiramurs (732,8 f.): Parzival kann am Fest nicht teilnehmen und zieht weiter (732,19—733,30)

•       Parzivals härteste Prüfung: der Kampf mit Feirefiz: Begegnung mit dem „Heiden“; Kampfbeginn (Speerkampf, Schwertkampf zu Pferd und zu Fuß); Einschub: Kommentar (741,21 ff.); Gottvertrauen Parzivals hilft; neuer Schlachtruf; P.s Schwert (das er einst Ither abgenommen hatte) zerbricht am Helm von Feirefiz; Feirefiz bietet Waffenruhe an und bittet um P.s Namen; Feirefiz gibt sich als Anschewin zu erkennen; P. erkennt den Halb­bruder und berichtet von Gahmuret; P. lädt Feirefiz zu Artus ein

•   Am Artushof: Der Entschluss zu bleiben; die Nachricht vom Kampf; die Ankunft der beiden Helden; Begrüßung und Bewirtung durch Gawan; Artus trifft mit Gefolge bei Gawan ein; Artus beschließt ein Fest zu Ehren des Ori­entalen

 9.3    Das Fest der Tafelrunde

•   Die Vorbereitungen

•   Die Tafelrunde: Kundri kommt an; Begrüßung; Bericht von der neuen Inschrift auf dem Oral: P. ist erneut zum Gralskönig berufen; Berufung von Condwiramurs und Loherangrin (78 1,1—19); Bewertung von Parzivals Han­deln (782,22—30); P.s Freude; P. reist in Begleitung von Feirefiz ab

 9.4   Parzival wird Gralskönig

•   Anfortas‘ Qualen; A.s Wunsch zu sterben; die Hoffnung seiner Getreuen; die Drei auf der Oralsburg

•   Der neue Gralskönig: Ankunft; die erlösende Frage (795,29); P. wird Grals­könig; Condwiramurs auf dem Weg zum Oral; P. reitet ihr entgegen; Besuch bei Trevrizent; dessen Kommentar zum Geschehen: 798,23—25 (P. trotzt Gott ein Wunder ab!); Rat: nu kert an diemuot iuwern sin (798,30); Wie­dersehen mit Condwiramurs; Zusammentreffen mit der toten Sigune; Rück­kehr zur Gralsburg

•   Gralsfest: Feirefiz kann den Oral nicht sehen; F. verliebt sich in Repanse de Schoye; Empfang der Taufe; Vermählung mit Repanse; Feirefiz reist ab

•   Schluss: Loherangrin

•   Epilog: Gesamtaussage (827,19—24)

 

 10     Mögliche Einzelaspekte, die u. U. abschließend ggf. auch

„zwischendurch“ aufgegriffen werden können

 10.1 Der zwivel (als Generalthema des ‚Parzival‘)

•   Grundbedeutung des Begriffs: „zweifacher Meinung sein“ (Wer zweifelt, weiß nicht, wie er handeln soll.)

•   Bedeutungsbereiche: ethisch (Nicht-Gesichertheit bezogen auf Handlungs-/ Verhaltensnormen); philosophisch (systematisch/methodisch in Frage stel­len usw.); religiös: schwankender Glaube; besonders: Ungewissheit gegen­über Gottes erbermde

•   Zustand der Unsicherheit: Im MA bezeichnet zwivel einen intellektuell und aktuell ungeklärten und damit zur Entscheidung drängenden Zustand der „Unsicherheit“, der die Seele in Gefahr bringen kann. (Aus der ‚metaphysi­schen‘ Unsicherheit resultiert gleichzeitig eine Handlungsunsicherheit, die u. U. die ritterliche Existenz gefährden konnte. P. überwindet diese Hand­lungsunsicherheit zunächst in zweifacher Weise: a) Er verfolgt weiterhin

 

 

 

das Ziel: den gral erstrîten das aber ist — trotz „metaphysischer Orientierung“ (‚.Gral“) — eine Scheinlösung, da die Basis dieses Strebens in einer hybriden Selbstüberschätzung liegt

b)    Er setzt für sich (und andere) den immanenten Leitwert: da nimm ein wîp für dich den strît und verbleibt damit in der Wertwelt des Artusritters (Hartmann). Trotz der — nach Wolfram falschen — Scheinlösungen bleibt festzuhalten: der Wille zum Guten bleibt erhalten

•  Zwivel ist demnach zu verstehen als schwankender Glaube an das göttliche Wunder (Bezweiflung von gotes tou gen) und nicht als Wille zum Bösen

•  Möglichkeiten der Beseitigung: Mannesmuot versagt: der Mensch strebt nicht mehr; er wird der unstaete geselle (kommt für Parzival nicht in Frage:

sein Wille zum Gral bleibt ungebrochen; vielleicht ist in diesem Sinne das erstrîten wie es Trevrizent so erstaunt, zu verstehen); Zwii‘el wird durch rechte Erkenntnis aufgehoben; Voraussetzung: Gottes Gnade und mannes muot, der die staete dokumentiert

 

10.2  Der zwivel in Parzivals Leben

•  Parzivals Verfassung beim Eintritt in die Welt: tumpheit (Rittertum muss er nicht eigentlich erwerben, es ist „angeboren“: art; gleichzeitig aber: Verstrickung in Erbsünde: Adam/Abel werden zitiert)

•  Parzivals Gefährdung: P. ist sich zunächst keiner sündhaften Tat bewusst (gemessen am „ritterlichen Standard“, wie ihn Ournemanz repräsentiert); gerade hieraus resultiert seine Gefährdung: superbia (s. o.),wie sie sich im Irrewerden an Gott niederschlägt; Parzivals „Irrtum“: Er glaubt, Gott müsse ein „natürliches“ Wesen sein, eingepasst in die (ritterliche) Weltvorstellung, er müsse demnach auch kämpfend erreicht und denkend erfasst werden können

 

10.3   Bilder/Symbolfiguren des „zwivel“ im Text

•  Elster-Gleichnis: (Vorbild: Physiologus); zwîvel als Zwischenzustand zwischen Glaube und Unglaube; Doppelfarbigkeit in doppelter Bedeutung:

        a) mögliches Nebeneinander;

        b) Gegensatz

•  Hell-Dunkel-Metaphorik (wie sie auch das Denken der zeitgenössischen(!) Katharer bestimmt)

•  Feirefiz (der „Gescheckte“): Held der Welt (glänzend dargestellt); blind für die Transzendenz (sieht den Oral nicht)

•  P.s Schwert zerspringt: das Schwert, ein reroup, geht verloren; der zwîfel kann nicht aus eigener Kraft überwunden werden: Notwendigkeit der Gnade; aber auch: sowohl art als auch strîten als Voraussetzungen der Gnade

10.4  Der Gral

•  Durch Einführung des Flegetanis verleiht Wolfram dem Gral, der wohl zunächst dem irdischen Bereich angehört, zugleich eine Abstammung aus dem überirdischen Bereich

•  „Gralsprämissen“ (Voraussetzungen zur Gewinnung des Grals): Natürliche Kraft des Menschen versagt ebenso wie die üblichen gesellschaftlichen Konventionen (im Gralsbereich gelten dann auch andere als die üblichen ritterlichen Gesetze); alles ist Gnade und Prädestination (vergl. Augustinus); Gral kann nur unwillentlich gefunden werden; Parzival erstritet dennoch den Oral: damit Änderung der Gralsprämissen?

•  Der „Symbolgehalt“: lapis exilis: Wunderstein des iter ad paradisum der Alexandersage, der alles Gold der Erde aufwiegt, bis ein wenig Staub ihn bedeckt; dann wird er federleicht

•  Damit: Symbol der Demut (Deshalb müssen die Engel hinunter zu ihm um die diemüete zu lernen)

•  Abstrakt: Der Weg zum Einklang von Gott und Welt führt weder über gesellschaftliche Konventionen (Ournemanz), noch über reine Prädestination (P.s art), sondern über die diemüte, wie sie Trevrizent repräsentiert

•  Der Symbolgehalt des Grals wird wohl am besten gewahrt durch die einfache Bezeichnung als „dinc“: damit wird von jeder Bezugnahme auf bekannte kultische Gegenstände abgesehen. Dennoch: im Umfeld des Grals sind deutliche Kultelemente erkennbar

•  Gralsmotive: a) Kultmotive: Jene Motive, die für den Gralskult konstitutiv sind (Gral selbst, König als erster Kultdiener; Gralseigenschaften, Taube und Hostie, Mahlzeiten, Gralsfrage): b) Verhältnis Anfortas — Parzival (Handlungsmotive): Krankheit des Königs, Lanzenverwundung, Erlösungsauftrag, das unwissende Finden der Gralsburg, Gralsfrage); c) kultische Motive: Fischerkönig, Gralsgeschichte, Gralsburg. Wappen; Gralszeremonie (Sie trägt deutlich kultische Züge; man könnte sie geradezu eine Profanisierung der Abendmahlsliturgie nennen; Elemente: wunderbare Speisung, communio (Gemeinschaft aller, transzendenter Aspekt: Oral kam vom Himmel zur Erde; Taube, Hostie); Mitleidsgemeinschaft (um Anfortas); sakramentaler Charakter des Oral (P. dabei in zweifacher Funktion: Sakramentsempfänger: wird König; Spender: erlöst Anfortas); die ‚.Mitleidsfrage“:

weniger Zeichen für Mitleid; vielmehr: kultische Handlung (Antwort ist ja schon bekannt!), Kultformel

•  Elemente, die dem „amtskirchlichen Kult“ gegenlaufen: Nur Auserwählte dürfen teilnehmen; die Frau: nimmt nicht nur teil, ihr kommt auch eine tragende Rolle zu; keine Unterscheidung Laien — Kleriker (vergl. auch: Trevrizent als Sakramentspender!)

10.5  Noch einmal: Frage der Prädestination

•  P. ist von Anfang an berufen

•  Durch das Epitaph wird die Berufung endgültig angeordnet

•  P. kam unbennet dar‘ (unberufen, wenn auch prädestiniert)

•  P. kann erst fragen, wenn er selbst in seiner persönlichen Entwicklung ein bestimmtes Stadium erreicht hat: er muss mehrere Sozialisationskreise durchlaufen, die sich nicht nur ergänzen, sondern auch z. T. gegenseitig in Frage stellen

•  Die Berufung kann nicht verdient werden, dennoch: Parzival darf ein zweites Mal fragen, d. h.: die Gralsprämissen werden umgestoßen. Theologisch:

Die starre Prädestination weicht dem # Gottes, der das Verdienst in Rechnung stellt (Das zu begreifen fällt selbst Trevrizent schwer.)

 

10.6  Vielleicht nochmals oder jetzt endlich: Frage des Entwicklungsgedankens

•  Die vier Belehrungen: Erste Belehrung durch die Mutter über das Wesen Gottes: Misserfolg. Auszug, um Ritter zu werden; Tod der Mutter. Zweite Belehrung durch die Mutter: über ritterliche Art: Misserfolg: Jeschute-Episode; Tod Ithers. Dritte Belehrung durch  Gurnemanz: über ritterliche Art: Misserfolg: Frageversäumnis; Irrfahrt. Vierte Belehrung durch Trevrizent: über richtig verstandenes, christliches Rittertum: Erfolg: Gralskönig

•  Kern: Demutsgedanke; durch ihn: Überwindung der drei Schranken, die den Heilsweg verstellen. (Höfische Konvention; rationale Tugendvorstellung; kirchlich-autoritativer Glaube)

•  Problem des Entwicklungsgedankens: Antrieb: teleologisch in den Anlagen Parzivals selbst (art); diese werden durch „Übung“ entfaltet (gerade Linie). Irrtum Parzivals: nicht Mangel an intellektueller Kraft, sondern mangelndes Wissen um das Unzureichende rationaler Erkenntnis (daraus entsteht der zwivel). Fortgang: besteht nicht im Weiterschreiten von Stufe zu Stufe bzw. in gleicher Richtung, sondern ist Folge eines grundsätzlichen Wechsels (einer qualitativen Wandlung)

•  Der Weg: Anfangs vom Ausgangspunkt (Vater/Mutter: ärt) her bestimmt, später vom Ziel

•  In Parzival weniger Entwicklung, sondern Wandlung; damit: Grenze der Entwicklung; Bedingung der Wandlung bzw. des zu erreichenden Zustandes (der „Gnade“): diemüte

 

Hinweise zum Unterricht:

Mag sein, dass die zuletzt angesprochenen Themen zunächst niemanden vom Stuhl reißen. Sie müssen ja auch nicht in der skizzierten Form angesprochen werden. Auf einige Momente allerdings sollte eingegangen werden:

Ø      Welche Veränderungen im Wertsystem seiner Zeit fordert Wolfram?

Ø      Welche Konsequenzen würden sich daraus für die ständisch organisierte Gesellschaft ergeben?

Ø      Wo wird mit Widerständen zu rechnen sein?

Ø      Man stelle sich vor, für die heutige Welt würden vergleichbare (Herausforderungs-)Modelle entworfen: Was würden sie in Frage stellen? Was würden sie als Alternativen anbieten? Wie würden sie wirken“?

Ø      Sind heute noch Menschen denkbar, die „nach dem grâl suchen“?

Ø      Lässt sich der grâl erstîten oder lässt er sich wenn überhaupt „finden“?

 

 

Materialanhang

 

Text 1

Dieter Breuers: Der Werdegang eines Ritters

Bleiben wir aber in der Blütezeit des Rittertums unter den Staufern und sehen wir uns einmal an, was so ein kleines Bürschchen durchmachen musste, um endlich ein Ritter zu werden. Als Kind wohnt der Knirps noch im Frauenhaus der väterlichen Burg, wo man — je nach Stand der eigenen Bildung versucht, ihm Lesen und Schreiben beizubringen und auch wenigstens ein gewisses Maß an Benimm und religiösen Grundkenntnissen. Mit sieben oder acht Jahren jedoch ist die Kindheit zu Ende. Der Vater hat seine Beziehungen spielen lassen und schickt den Knaben jetzt an einen anderen Hof oder auf eine andere Burg, wo er zunächst einmal der Dame des Hauses als Page oder Edelknabe zu dienen hat. Am fremden Hof lernt er unter anderem, „höflich“ zu werden. Bei Hofe macht es sich gut, wenn man ein bisschen zu tanzen versteht, das Schachspielen beherrscht — ja, auch ein wenig von jenem besonderen Französisch kann nicht schaden, denn schließlich kommen die Troubadoure aus Südfrankreich und deren Lieder sollte man schon verstehen können.

Allzu viel Gelehrsamkeit braucht man natürlich nicht. Darauf achtet schon der Burgherr, denn er hat sich schließlich verpflichtet, aus dem Pagen einen Ritter zu machen, aber das hat noch Weile. Zunächst muss er reiten lernen, das ist das Wichtigste, und jagen natürlich. Verweichlichung ist verpönt. Der Page ist zwar noch ein Kind, aber behandelt wird er wie ein Mann. Rund sieben Jahre lang. Mit 14 oder 15 wird er Knappe und für manche ist da schon Endstation, denn Ritter wird man nicht automatisch. Man muss sich zuvor bewähren, und das wiederum etwa sechs bis sieben Jahre lang.

Der Knappe wird nunmehr einem Ritter zugeteilt, dem er zu dienen hat. Er sorgt für dessen Kleidung, wartet ihm beim Festmahl auf, übt mit ihm den ritterlichen Zweikampf und zieht mit ihm in die Schlacht. Bewährt er sich, wird der Ritter, dem er dient, noch einen anderen Ritter suchen, der gleich ihm bezeugen wird, dass der inzwischen etwa zwanzigjährige Knappe adliger Herkunft, christlich getauft und der Aufnahme in den Ritterstand würdig ist. Nun

muss nur der geeignete Tag gefunden werden, an dem die „Schwertleite“ vollzogen werden soll. Das kann zum Beispiel ein Reichstag sein oder das Treffen vor einem Kriegszug, wo zuweilen Hunderte von Knappen zu Rittern geschlagen wurden. Ist jedoch kein solcher Termin absehbar, wählt man einen hohen Feiertag, Ostern zum Beispiel, oder den Namenstag eines Heiligen, den die Ritter besonders verehren, den des heiligen Martin etwa oder des heiligen Georg.

Ursprünglich war das Ganze eine höchst weltliche Prozedur, aber zunehmend beteiligte sich die Kirche an der Zeremonie, was allerdings weniger aus religiösen als vielmehr aus politischen Absichten geschah. Rom hatte handfeste Gründe, sich angesichts des ständig schwelenden Streits zwischen Papst und Kaiser der Loyalität der jungen Ritter zu versichern. Ein (auch) kirchlich geweihter Ritter würde sich im Zweifelsfall schwerer tun, bei einem möglichen Konflikt sein gesegnetes Schwert gegen Rom zu zücken oder einem vom Papst gebannten Kaiser die Treue zu halten.

Also verging die Nacht vor der Schwertleite für den Knappen mit Fasten und Beten, einem rituellen Bad und der Beichte. Der uns vertraute „Ritterschlag“ setzte sich übrigens in Deutschland erst sehr spät durch. Noch verlief die feierliche Zeremonie anders: Der Knappe wurde mit Helm und Harnisch ausgerüstet, erhielt Lanze, Sporen und vor allem das eigene Schwert. Jede Übergabe wurde mit ernsten Ermahnungen begleitet. Bei allem, was er tue, solle der junge Ritter die „mâze“ im Auge behalten, eine der ritterlichsten Tugenden überhaupt und besonders wichtig in einem Zeitalter, wo Exzesse aller Art üblich waren: beim Essen und bei Fastenübungen, in der Lust und im Hass. Ebenso gefordert wurde vom Ritter die „staete“, ein schwer zu übersetzendes Wort. Es umfasst Eigenschaften wie Ausdauer und Beharrlichkeit, Zuverlässigkeit und Treue. Letztendlich verlangt man von ihm Keuschheit und Milde, Freigebigkeit gegenüber den Armen und Schutz von Witwen und Waisen. Ein ganzer Tugend-Katalog, und er ist selbstverständlich auch nur pure Theorie, denn die „alten Rittersleut“ waren in ihrer Mehrzahl natürlich ganz anders aber wer ist schon unfehlbar. Immerhin: Die Ritter hatten plötzlich ein Ideal, und viele bemühten sich durchaus, ihr Gelübde zu halten.

(Text aus: Dieter Breuers: Ritter, Mönch und Bauersleut; eine unterhaltsame Geschichte des Mittelalters. Bergisch Gladbach: Gustav Lübbe Verlag 1994. 5. 267—269)

 

Text 2

Joachim Bumke: Die Frau im Mittelalter

Das höfische Frauenbild war eine Erfindung der Dichter. Die Vorstellung, dass die adligen Herren zu den Frauen verehrungsvoll aufblickten, weil sie ihnen ihre ritterlichen Fähigkeiten und damit ihr gesellschaftliches Ansehen verdankten, verkehrte das Verhältnis der Geschlechter, wie es in Wirklichkeit bestand, ins Gegenteil. Gelegentlich haben die Dichter im poetischen Spiel und sicherlich zum Ergötzen des Publikums den Schleier der Fiktivität ein

wenig gelüftet. so dass man sehen konnte, dass dahinter nichts war als die dichterische Fantasie. Ein Meister solchen Spiels war Walther von der Vogelweide, der in seinem Scheltlied „Lange zu schweigen hatte ich gedacht“ die umworbene ungnädige Dame als sein eigenes Fantasieprodukt entlarvt hat:

„Sie will mich nicht ansehen! Sie, der ich doch solchen Ruhm verschaffte, dass sie jetzt derart hochgemut ist! Sie bedenkt wohl nicht, dass, verstummt mein Lied, auch ihr Ruhm zergeht!“ Der Ruhm der Dame existierte nur im Lied des Dichters; daher musste sie, wenn der sich im vergeblichen Minnedienst verzehren sollte, mit ihm „sterben“: „Ihr Leben ist nur so viel wert wie mein Leben: wenn ich sterbe, dann ist auch sie tot“... Auf andere Weise hat Neidhart die Fiktivität des höfischen Frauenpreises aufgedeckt, indem er seinen Ritter von Riuwental die von ihm umworbenen Bauernmädchen wie höfische Damen besingen ließ: „Ich glaube, niemand auf der Welt hat ein vollkommeneres Mädchen gefunden; nur dass ihr die Füßchen zerkratzt sind.“ Hier wird deutlich, dass der Frauenpreis ein Mittel der dichterischen Technik darstellte, das auch zur Erzielung komischer Effekte eingesetzt werden konnte.

In der höfischen Epik hat es solche Schranken nicht gegeben. Die Frauendarstellung dieser Gattung wirkt vielfach realistischer, weil hier die Hochstilisierung der höfischen Dame öfter mit negativen Motiven verbunden wurde. „Frauen sind eben immer Frauen.“ (Parzival 450,5) Diese tiefsinnige Feststellung war keineswegs als Kompliment gemeint… Eine Frau tut selten das Beste.“ Denselben Gedanken konnte man auch schärfer formulieren: „Ich habe selten eine Frau gesehen, die an Herz und Leib untadlig gewesen wäre, gleich ob es eine Jungfrau oder eine Ehefrau war.“ Wo zwischen guten und schlechten Frauen unterschieden wurde, waren nach dem Urteil einiger Dichter die schlechten meistens in der Mehrzahl: „Es stimmt mich traurig, dass so viele >Frau< genannt werden. Sie haben alle eine hohe Stimme. Aber viele überlassen sich der Falschheit, wenige sind frei von Falsch.“ „Der weise Salomo spricht, dass unter zehn Frauen kaum eine ist, die rein und wirklich beständig ist.“

Nicht selten war in der höfischen Epik von Eva und ihrer verderblichen Rolle beim Sündenfall die Rede und daran ließen sich wenig schmeichelhafte Kommentare über die Frauen im allgemeinen knüpfen, über ihre moralische Schwäche, ihren Ungehorsam und ihre Begehrlichkeit. Gottfried von Straßburg hat Evas Handlungsweise mit dem höfischen Thema der huote, der Bewachung von Frauen, in Zusammenhang gebracht: Es sei sinnlos, Frauen zu überwachen und ihnen Verbote aufzuerlegen, weil sie dadurch nur zur Übertretung aufgereizt würden. Sie lehnten sich gegen jedes Verbot auf, „weil es von ihrer Wesensart herrührt und die Natur es an ihnen bewirkt“. Die höchste Aufgabe für die Frau sei es daher, ihre Natur zu überwinden und moralisch „zum Mann“ zu werden: „Denn wenn eine Frau gegen ihre Wesensart tugendhaft ist und gegen ihre Anlage ihren Ruf, ihr Ansehen und ihre Persönlichkeit

freudig bewahrt, dann ist sie nur noch mit Namen eine Frau, ihrer Gesinnung nach aber ein Mann“... Nicht selten wurde im höfischen Epos davon erzählt, dass Frauen benachteiligt, entwürdigt, gequält und geschlagen wurden. Diese Motive standen in einem merkwürdigen Kontrast zu der offiziellen Frauenverherrlichung der Gattung. Aber es scheint so, als hätten die Erzähler diesen Gegensatz gar nicht bemerkt. Wenn es um Erbangelegenheiten ging oder um die Verfügung über persönlichen Besitz, war die Schlechterstellung der Frau ganz normal. Es konnte auch keine Verwunderung erregen, wenn Frauen wie eine Sache behandelt wurden. Ohne männlichen Beistand waren sie den gröbsten Ungerechtigkeiten ausgesetzt. Das musste Cunneware erfahren, die als Schwester des Herzogs Orilus zu den vornehmsten Damen am Artushof gehörte. die aber von dem Truchsessen Keie, dem obersten Hofbeamten, brutal verprügelt wurde, als sie scheinbar gegen ein ihr auferlegtes Verbot verstieß. „Da fasste der Seneschall Keie Frau Cunneware de Lalant an ihrem lockigen Haar. Er wickelte ihre langen schönen Zöpfe um seine Hand und hielt sie wie mit einem Eisenband fest. Mit dem Stock stabte er keinen Eid auf ihren Rücken, sondern ließ ihn herabsausen, bis von dem Stock nichts mehr übrig war: es ging ihr durch das Kleid und durch die Haut.“ Am Artushof fand niemand ein Wort des Tadels für diese Misshandlung, außer dem bäurischen Toren Parzival. Ebenso schutzlos war Enite den Zudringlichkeiten des Grafen Oringles preisgegeben, als Erecs Scheintod sie des männlichen Schutzes beraubte. Der Graf war von Enites Schönheit so geblendet, dass er sie sofort heiraten wollte und dabei alle Rücksichten vergaß. Als Enite sich weigerte, im Angesicht ihres tot daliegenden Mannes zum fröhlichen Hochzeitsmahl Platz zu nehmen, griff er zu Beschimpfung und Gewalt und schlug sie mit der Faust, so dass die Edle heftig blutete. Er sagte: „Ihr esst jetzt, böse Haut!“ Die Kritik aus seiner Umgebung wies der Graf zurück. Ihr Tadel ärgerte ihn. Er sagte heftig: „Ihr Herren, ihr seid wunderlich, dass ihr mich für das tadelt, was ich mit meiner Frau tue. Es steht niemandem zu, Gutes oder Schlechtes darüber zu reden, was ein Mann seiner Frau tut. Sie gehört mir und ich ihr; wie wollt ihr mich daran hindern, mit ihr zu tun, was mir gefällt?“ Damit brachte er sie alle zum Schweigen.

Für die fast unbeschränkte Verfügungsgewalt des Ehemannes über seine Frau bietet die höfische Epik viele Beispiele. Dass der Mann seine Frau verließ, um auf Abenteuer auszuziehen, und dass die Frau manchmal jahrelang auf seine Rückkehr warten musste, war noch harmlos. Der Mann konnte seine Frau auch einschließen und bewachen lassen, er konnte sie öffentlich bloßstellen und erniedrigen, sie mit Verdächtigungen quälen. Der Ehemann konnte seiner Frau auch das Reden verbieten, am wirkungsvollsten gleich mit Androhung der Todesstrafe, wie es der jungen Enite geschah, als kaum die Flitterwochen in Karnant zu Ende waren. Enite musste es auch erdulden, dass ihr Mann sie Knechtsdienste tun ließ und ihre eheliche Gemeinschaft willkürlich aufhob. Dass sie dies alles nicht nur ertrug, sondern auch noch guthieß,

zeigte ihre Qualität als Ehefrau. „Was immer mein Gefährte mir antut, ich dulde es von Rechts wegen. Ob er mich zur Frau, zum Knecht oder wozu immer haben will, ich bin ihm in allem untertan.“ Wenn der Ehemann einen Verdacht auf Untreue gegen seine Frau hegte, waren seiner Strafgewalt keine Grenzen gesetzt. Jeschute wurde von ihrem Mann, Herzog Orilus, mit Entbehrungen gequält, bis sie ganz ausgemergelt und zerschunden war und ihr das Kleid in Fetzen vom Leib hing. Als sich nach einem Jahr herausstellte, dass der Verdacht unbegründet gewesen war, musste Orilus zwar zugestehen, dass sein Verhalten falsch war (.‚ich habe unbeherrscht Ihr gegenüber gehandelt“); aber für seine Frau hatte er kein Wort der Entschuldigung oder des Bedauerns. Und auch der Erzähler tadelte nur den Fehler, den Orilus gemacht hatte, nicht aber sein Vorgehen.

Körperliche Züchtigung durch den Ehemann war auch bei anderen Anlässen üblich. Nicht ohne Stolz erzählte Kriemhild davon, wie Siegfried das Hausrecht über sie ausgeübt hat, nachdem sie beim Frauenzank vor dem Münster öffentlich die burgundische Königin beleidigt hatte. „Es hat mich seither sehr gereut, sagte die edle Frau. Er hat mich deshalb auch tüchtig durchgeprügelt.“ Die Frau selber von den Schwächen ihres Geschlechts sprechen zu lassen, war ein besonders wirkungsvolles Darstellungsmittel. „Eine Frau sagt doch leicht etwas, was sie nicht sagen sollte. Wer alles bestrafen wollte, was wir Frauen sagen, der hätte viel zu strafen. Wir Frauen bedürfen doch täglich der Nachsicht wegen törichter Reden, denn was wir sagen, ist oft verletzend, aber doch ohne Arglist, verfänglich, aber ohne Hass: wir können es leider nicht besser.“

(Text aus: Joachim Bumke: Höfische Kultur: Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. © München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1986. 5. 453—454, S. 461—466 [Anmerkungen wurden entfernt.])

 

Text 3

Walter J. Schröder: Zur Schuldproblematik

Von diesen beiden Sünden (Tod der Mutter und lthers) unterscheidet sich das Frageversäumnis vor allem dadurch, dass es reparabel ist. Alle anderen Sünden Parzivals sind, einmal getan, nicht wieder gut zu machen. Am Oral ist das anders. Hier wird ihm auch nicht, wie vordem, etwas verweigert, was er begehrt, sondern man verlangt etwas von ihm, was er nicht leistet. Aber dies Versäumnis kann er wirklich voll und ganz gut machen, denn die Gelegenheit zur Frage wird ihm ein zweites Mal geboten und da fragt er. Er tilgt die Sünde. Diese Tilgung erfasst nun aber nicht nur die Schuld des Versäumnisses, sondern zugleich alle andere Schuld, auch den Tod der Mutter und lthers. Was immer Parzival auch an Sünden beging: durch die Buße bei Trevrizent und die gestellte Gralsfrage erhält er die Rechtfertigung. Die Frage konnte er erst stellen, als er von Trevrizent über Gottes Heilsveranstaltungen belehrt war. Im Spiegel dieser Belehrungen erscheinen die drei großen Sünden. Sie haben

nichts mit irgend einem Sündenregister zu tun, sie lassen sich in keinen Lasterkatalog einordnen, denn sie sind nicht Sünden eines individuellen Menschen. Alle Fragen nach ihrem Gewicht oder nach bewusstem oder unwillentlichem Tun sind irrelevant. Sie sind einander zugeordnet nach dem gleichen Prinzip wie die drei Lehren, die Parzival empfängt. Tod der Mutter; Erbsündigkeit; Mord an lther: Folge der Erbsünde auf der Stufe der „Natur“. Frageversäumnis: Folge der Erbsünde auf der Stufe des „Gesetzes“

Es ist christliche Lehre von Anfang an, dass des Menschen bestes Wollen sündhaft ist, da sein Wille schwach und seine Einsicht getrübt ist von Adam und Eva her. Es kommt wenig darauf an, worin im Einzelnen die „Sünden“ des individuellen Menschen bestehen; der eine hat hier, der andere dort seine besondere Schwäche. In der persönlichen Beichte ist ein bußfertiger Wille, der auf wahrer Einsicht in Gottes Gedanken beruht. In diesem Willen und in dieser Einsicht müssen persönliche Schuld und Erbschuld notwendigerweise zusammenfallen.

(Text aus: W. J. Schröder: Die Soltane-Erzählung in Wolframs Parzival. Heidelberg: Winter 1963. 5. 98 f.)

 

Text 4

Wolfgang Brauneck: Der Sündenbegriff bei Augustinus (tat. Kirchenvater 354—430)

Die Analyse des Schuldbegriffes in Wolframs Parzival nimmt in der Gesamtdeutung eine so wesentliche Stellung ein, dass es gerechtfertigt erscheint, einen Blick auf die entsprechende Auffassung der zeitgenössischen Moraltheologie zu werfen ... Unter welchen Voraussetzungen sah man den Menschen für seine Handlungen und deren Folgen als schuldig und verantwortlich an? Die Antwort darauf aus der Lehre Augustins war für das Mittelalter weitgehend bestimmend, sie soll dargestellt werden aus dem Text von De libero arbitrio, insbesondere hier Buch 111. Augustinus behandelt an der angegebenen Stelle die unfreiwilligen Sünden, die Sünden wider Willen und wider Wissen; die Fragestellung ist folgende: sind unwissentlich begangene Sünden Sünden mit vollem Gewicht der Verantwortlichkeit? Die Antwort führt bei Augustinus unmittelbar zur Frage der Erbsünde, der Unterscheidung der Erbsünde von anderen Tat-Sünden und der Errettung aus der Sünde. Ursache jeder Sünde ist der Wille. Wenn es nun eine Sündhaftigkeit gibt, die nicht dem eigenen Willen entsprungen ist, die Sünde aus Unwissenheit also, so muss es einen Grund dafür geben, der dem persönlichen Willen gewissermaßen „vorangeht“. Wenn der Mensch von Natur aus nicht gut handeln kann, so muss das ... entweder Naturanlage sein: dann aber wäre es nicht sündhaft, denn der Mensch handelte dann so, wie er seinem Wesen nach handeln müsste, oder aber jener Zustand ist bereits Strafe, die den Menschen vor seinem eigenen Tun trifft. In dieser Umgrenzung befindet sich die menschliche Existenz; der Mensch ist nicht in seinem velle, wohl aber in seinem posse zum Guten unfähig ... Damit ist klargestellt, dass auch die unwissentlich und unwillentlich begangene Sünde tatsächlich auch Sünde ist. Diese Sündhaftigkeit ist Folge der Erbsünde, sie macht den Menschen auch bei gutem Willen zum Sünder ... Merkmale dieser Grundverfassung sind Unwissenheit und Begehrlichkeit als die Folgen der Erbsünde ... Unwissenheit und Unvermögen fallen bei Augustinus zusammen, sie gehören zur gegenwärtigen Verfassung des Menschen, nicht aber zu seinem Wesen vor der Erbsünde. Dieser Zustand aber wird nun nicht nur unter den Aspekt der Schuld gestellt. sondern er ist ebenso „Mahnung zum Fortschritt“. Ansatz hierzu freilich ist die Gnade, ... Diese Gnade kann in keiner Weise verdient werden; Anfang aller Gnade ist für Augustin der Glaube. Der Mensch fängt also an, die Gnade zu haben, wenn er unter einem Anstoß von innen oder außen anfängt, an Gott zu glauben.

Nicht die Unwissenheit, die außerhalb des Willens steht, wird dem Menschen letztlich zur Schuld angerechnet, sondern die Weigerung, diese Unwissenheit zu bekämpfen und aus dem Zustand der Verschuldung sich zu erheben ... Die Problematik in Augustins Heilslehre liegt nun darin, dass diese Aufwärtsbewegung Auftrag und Mahnung an alle ist, aus eigener Kraft aber von keinem geleistet werden kann; da alle Menschen aber die Gnade Gottes gleich wenig verdient haben, ist es gerechtfertigt, wenn Gott nur einige von ihnen erwählt

(Text aus: Wolfgang Brauneck: Wolfram von Eschenbach. Parzival. Bamberg: C. C. Buchner 1967. S. 65 ff.)

4 Literaturhinweise

 

Bertau. Karl: Wolfram von Eschenbach; München 1983

Brauneck, Wolfgang: Wolfram von Eschenbach. Parzival; Bamberg 1967

Breuers, Dieter: Ritter, Mönch und Bauersleut; eine unterhaltsame Geschichte des Mittelalters; Gustav Lübbe Verlag; Bergisch Gladbach 1994

Brunner, Horst (Hrsg.): Mittelhochdeutsche Romane und Heldenepen. Interpretationen; Stuttgart 1983

Bumke, Joachim: Wolfram von Eschenbach; Stuttgart 1991

Essen. Erika: Gegenwärtigkeit mittelhochdeutscher Dichtung im Deutschunterricht; Heidelberg 1967

Heise. Ursula: Frauengestalten im „Parzival“ Wolframs von Eschenbach; in: Der Deutschunterricht; Jg. 9. 1957, Heft 2

Maurer, Friedrich: Die Grundlagen Wolframs von Eschenbach; in: Der Deutschunterricht; Jg. 8. 1956, Heft 1

Schröder, Franz Rolf: Parzivâls Schuld; in: Germanisch-romanische Monatsschrift, Neue Folge. Bd. IX Heidelberg 1959

Schröder, Walter Johannes: Der Ritter zwischen Gott und Welt; Böhlau 1952

Schröder, W. J.: Die Soltane-Erzählung in Wolframs Parzival; Heidelberg 1963

Schröder, Werner: Wolfram von Eschenbach; Stuttgart 1989

Schwietering, Julius: Mystik und höfische Dichtung im Hochmittelalter: Tübingen 1960

Schwietering, Julius: Parzivâls Schuld; in: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur, Bd. 81: Berlin 1944

Wapnewski, Peter: Wolframs Parzival. Studien zur Religiosität und Form; Heidelberg 1955 Wapnewski, Peter (Hrsg.): Mittelalter-Rezeption; Stuttgart 1986

 

Mit großem Interesse (und Vergnügen) habe ich neuestens gelesen: Lincoln, Baigent, Leigh: Der heilige Gral und seine Erben. Ursprung und Gegenwart eines geheimen Ordens. Sein Wissen und seine Macht. Bastei Lübbe Bergisch Gladbach, 5.Aufl. 2004 (Vielleicht nicht ganz so ernst zu nehmen, aber doch einige bedenkenswerte Ansätze, insbesondere zu Wolframs Aussagen zum „Gral“.)

...und im Netz:

u.a.

Seite über Wolfram von Eschenbach: (empfehlenswert, informativ)
http://scherm.de/essays/wolfram.htm

Bibliographie zu Wolframs "Parzival":
http://userpage.fu-berlin.de/~borgmann/biblio/biblio_parzival.shtml