Kater Murr

 

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E.T.A. Hoffmann:  Lebensansichten des Katers Murr

 

1 Hinweise zur Didaktik und Methodik

 

1.1           Zur „Sache“

Zugegeben: Es handelt sich hier um einen nicht ganz „einfachen“ Gegenstand. Schon der Gesamtaufbau ist so widerständig, dass man schnell bereit ist aufzugeben. Versucht man dann gar, mit den „üblichen“ Mitteln Handlung zu rekonstruieren, so gerät man immer wieder in ein schier undurchdringliches Gestrüpp von Figuren, Intrigen, von Ironie und vielleicht auch „Überspanntheit“. Am einfachsten ist es wohl, die Geschichte mit dem Kater in den Griff zu bekommen aber genau das gehört zu all dem Hinterhältigen, was E.T. A. Hoffmann für uns bereithält. Natürlich macht der Kater kaum Probleme, wie man wohl sagen wird. Er versteht sich ja schließlich als wohlgearteter, sittsamer Jüngling, der alles daran setzt, sich einzupassen in das, was eben erwartet wird. Genau wie in der „anderen“, der „verworrenen“ Handlung sich  Kreisler allem widersetzt, was nach geregeltem, wohlgesittetem Einfügen aussieht.

Die Murr-Handlung also bereitet wohl kaum Schwierigkeiten, vor allem dann nicht, wenn Goethes „Wilhelm Meister“ schon bekannt und als „Bezugsebene“ präsent ist. Oder doch: Was soll dieses eigenartige Vieh, das so vollkommen egozentrisch-ignorant sich in Szene setzt? Was geschieht da mit all dem, was man bei „Wilhelm“ als „edle Intention“, als Bildungsoptimismus gerade diskutiert und um das man die Goethezeit vielleicht auch ein bisschen beneidet hat? Vielleicht kann der „edle Sinn“, der zumindest im Dunstkreis der Turmgesellschaft Gefahr läuft, in eine ideell-rationalistische Sphäre abzutriften, gerade durch die borniert-philiströse Version, wie sie der Kater anbietet, wieder auf den Boden der alltäglichen Realität zurückgeholt werden.

Aber das allein ist wohl nicht das Entscheidende. Wichtiger noch ist, dass nun ein Thema aufgegriffen wird, das im „Wilhelm Meister“ zwar anklingt, dort aber so weit wirkt sich der aufgeklärte Rationalismus der Turmgesellschaft aus nicht so recht bewältigt wird: Die Frage nach einer „Poetisierung des Lebens“ wie sie in Mignon und dem Harfner anklang, wird nun in der Figur des Künstlers Kreisler rigoros gestellt und in mehreren Dimensionen durchgespielt. So wird der Roman jetzt interessant als Kontrastierung von zwei Prinzipien: Hier das bürgerlich-klassische Modell freilich in der ironisch-banalen Ausprägung, wie sie das Kater-Leben vorführt, dort die romantische Version des Menschen, der in seinem Künstlertum eingeengt und damit in seinem Lebensvollzug, seiner „Existenz als Künstler“, behindert wird. Nun könnte klar werden, wo die eigentlichen Probleme der Kreisler-Handlung zu vermuten sind: Ein Lebenskonzept wie das Kreislers (den die Gesellschaft vorläufig dazu zwingt, sich im Kreis zu bewegen) lässt keine Handlungsführung zu, die dem bürgerlichen Denken (wie es der Kater repräsentiert), stringent erscheint.

Den Schülern/Schülerinnen könnte beides interessant werden: Die in der Ironie kritisierte bürgerliche Version von Erziehung zu Tugenden und Werten, wie sie wohl auch dem heutigen Jugendlichen immer wieder vorgestellt werden (vielleicht auch schon von diesem mehr oder weniger akzeptiert werden, zumindest wenn es um Tugenden geht, die zu direktem Erfolg auch finanziellem Erfolg! führen), könnte ihn dazu bringen, über gerade diese Tugenden nachzudenken (er muss sie ja nicht ablehnen, aber er sollte sie bewusst und begründet akzeptieren!). Andererseits aber sollte er sich auch mit dem „anderen Konzept“, mit dem von der Romantik unter dem Stichwort „Poetisierung des Lebens“ entworfenen Konzept einer nicht nur erfolgs- oder auch realitätsorientierten Lebenspraxis auseinander setzen. Gerade der Zwiespalt zwischen dem Wunsch, die Künstlerexistenz zu entfalten und dem Zwang zur Anpassung an die Erwartungen der Gesellschaft, das also, was die „Zerrissenheit“ des Künstlers Kreisler ausmacht, könnte Ausgangspunkt des Nachdenkens über eigene Existenzbedingungen, Wertsetzungen und -orientierungen sein.


 

1.2           Methodische Konzepte

Es könnte hier ein Unterrichtsverfahren angewendet werden, welches als Mischung aus Gruppenarbeit, projektorientiertem Arbeiten und „normalem“ Frontalunterricht zu sehen ist. Da der Roman hinsichtlich der Erzählweisen wie auch hinsichtlich der Erzählstrukturen eine recht komplexe Angelegenheit darstellt, erscheint es sinnvoll, bestimmte Problembereiche abzugrenzen und sie einzelnen Gruppen zur Bearbeitung zuzuweisen. Im weiteren Unterrichtsverlauf werden diese Gruppen zwar nie ihre Ergebnisse als geschlossenes Ganzes vorstellen, sie werden aber immer als „Experten“ zur Stelle sein, wenn ein Problem ihren „Sachbereich“ tangiert. Welche Problembereiche im Einzelnen nun abzugrenzen sind, könnte in einem ersten Planungsgespräch festgelegt werden. Erfahrungsgemäß haben sich die folgenden Problemkreise als wesentliche Fragenbereiche immer wieder herauskristallisiert:

1) Abgrenzung der Murr-Handlung, Fixierung der Handlungschronologie. Diese Aufgabe könnte eine weniger starke Gruppe übernehmen.

2) Die Kreisler-Handlung müsste genauer „rekonstruiert“ werden. Die Erzählchronologie und die Handlungschronologie müssten gegenübergestellt werden.

3) Erzählperspektivik: Es wäre sinnvoll, hier eine leistungsfähige, relativ große Gruppe anzusetzen, die sich die Arbeit noch weiter unterteilt. Es könnten folgende Teilaspekte (u. a.) bearbeitet werden:

•   Die Perspektivik im Murr-Teil

•   Verschiedene Perspektiven im Kreisler-Teil

•   Ziele des Herausgebers (Vorwort, Nachwort, Einschübe/Kommentare)

•   Die Aufgabenstellung für die Gruppe sollte ein mehrdimensionales Arbeiten ermöglichen:

•   Zunächst einmal sollte die Perspektivik genauer beschrieben werden (Welche Perspektive liegt jeweils vor? Worin zeigt sich das? Wo endet die jeweilige Perspektive?)

•   Zum andern sollte dann die jeweils bestimmte Perspektive auch funktional reflektiert werden. (Welche Wirkung ergibt sich aus der Perspektivik? Wie wird die Wirklichkeit an der jeweiligen Stelle gesehen? Was bedeutet die Perspektivik für die Wirklichkeitssicht des Autors?)

Je nach Aufgabenstellung sollten die einzelnen Gruppen auch zu „vorzeigbaren“ Ergebnissen kommen im Sinne etwa einer Übersicht, die den übrigen Kursmitgliedern zugänglich gemacht werden kann. (Plakat, Arbeitspapier, Folie ...) Es ist zu beachten, dass dieses „greifbare“ Ergebnis nicht das einzige Ergebnis sein sollte, das die Gruppen vorlegen. In ihm ist nur eine schnelle Orientierung zu sehen. Die eigentlichen Ergebnisse sollten dann im jeweiligen Gespräch vermittelt werden, d. h. im Verlauf der unterrichtlichen Arbeit (im Gesamtkurs) wird die jeweilige Gruppe immer dann herangezogen (oder sogar die Leitung übernehmen), wenn ihr Arbeitsbereich berührt wird.


 

Vorgesehene Arbeitszeit für die Gruppen: je nach erwarteter Intensität 2—3 Stunden. Gegebenenfalls wird man, gerade was den Arbeitsbereich der dritten Gruppe betrifft, eine Stunde vorschalten über Erzählweisen (möglich: eine kurze Sequenz im Zusammenhang mit: RECLAM, Wie interpretiert man einen Roman? UB 15031; besonders die Teile 5. 10—28).

Rainer Uhlendorf (Rainer Uhlendorf: Einführung in komplexe Erzählstrukturen am Beispiel von E. T. A. Hoffmanns Roman „Lebens-Ansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern“. Pädag. Hausarbeit; Speyer 1981) schlägt eine andere thematisch-stoffliche Orientierung der Arbeitsgruppen vor. Er liefert den Gruppen auch einzelne mehr theoretisch orientierte Arbeitstexte, die gewissermaßen das Handwerkszeug zur Verfügung stellen, mit dessen Hilfe die Gruppen dann zu arbeiten haben. Im Einzelnen sieht er vor:

•   1. Arbeitsgruppe: Die Zeitgestaltung im .‚Kater Murr“

Arbeitsschwerpunkte:

Umstellung des sukzessiven Zeitablaufs

Raffungs- bzw. Dehnungsintensitäten

Rückblenden, Vorausdeutungen

Erzählphasen

Erzählzeit, erzählte Zeit

Textgrundlagen:    Auszüge aus H. Seidler: Die Zeitgestaltung im epischen Werk und aus J. Vogt: Das Zeitgerüst des Erzählens (Texte zu finden in: Köpf,

Gerhard und Popp, Helmut: Erzählen. 1. Erzähltheorie; München 1978)

•   2. Arbeitsgruppe: Die Raumgestaltung im „Kater Murr“

Arbeitsschwerpunkte:

Der Hof, Sieghardtsweiler

Der Park, die Brücke

Das Kloster, Kanzheim

Die Alltagswelt

Textgrundlagen:    H. Seidler, Die Raumgestaltung im epischen Werk; und B.

Hillebrand:            Der Raum als Ausdrucksträger (Texte siehe Anm. zur 1. Arbeitsgruppe)

•   3. Arbeitsgruppe: Erzählweisen und Redeformen im Roman

Arbeitsschwerpunkte:

Verhältnis von primären zu sekundären Erzählweisen

Personenrede, erlebte Rede

Textgrundlagen:    J. Vogt: Darbietungsformen, Erzählweisen, Redeformen

(Text siehe Anm. zur 1. Arbeitsgruppe)

•   4. Arbeitsgruppe: Erzählsituationen im „Kater Murr“

Arbeitsschwerpunkte:

Klassifikation nach Stanzelschen Kategorien

Kontrastierung mit „point of view“-Theorien

Textgrundlagen:    K. Stanzel, Erzählsituationen; R. Weinmann: Struktur und Wandel der Erzählperspektive (Text siehe Anm. zur 1. Arbeitsgruppe)

•   5. Arbeitsgruppe: Sprach- und Stilanalyse des „Kater Murr“

Arbeitsschwerpunkte:

Formelhaftigkeit der Sprache, Zitierkunst

Satire, Persiflage, Ironie, Humor evtl. Vergleich mit Goethes „Wilhelm Meister“

 

Der Unterricht im Kursverband wird in seiner Abfolge von dem ersten Gespräch her zu strukturieren sein. Allerdings wird es kaum möglich werden, in einem abstrakten Planungsgespräch thematische Details festzulegen, ehe nicht in einem tatsächlichen Wirkungsgespräch Eindrücke, Verstehen, Missverstehen, aber auch Fragen und Einwände artikuliert wurden, die sich beim häuslichen Lesen eingestellt haben.

Besonders empfehlenswert im vorliegenden Fall: Es sollte bei der häuslichen Lektüre ein „Lesetagebuch“ geführt werden, in welchem spontan die sich einstellenden Eindrücke notiert, aber auch die psychischen Reaktionen festgehalten werden sollten.

Das die unterrichtliche Besprechung eröffnende Wirkungsgespräch könnte dann auf der Basis dieses Lesetagebuchs in der Form durchgeführt werden, dass die Schüler nicht einfach ihre Notizen vorlesen, wohl aber sich auf diese stützen, wenn es darum geht, Eindrücke in Erinnerung zu rufen und zu artikulieren. Der folgende Vorschlag stellt ein Modell vor, das sich auf der Basis mehrerer Behandlungen im Unterricht ergab. Es wird entsprechend den konkreten Gegebenheiten von Fall zu Fall zu modifizieren sein.

 

1.3           Die thematische Struktur der Sequenz

Die thematische Struktur der Sequenz lässt sich von vier Problemfeldern her bestimmen:

1) Der Kater Murr: eine satirische Kritik am philiströsen Bildungsbürger,

2) Kreisler und das Problem der sich absolut verstehenden Künstlerexistenz,

3) E.T. A. Hoffmanns Weltsicht und deren künstlerische Gestaltung,

4) Auseinandersetzung mit dem „Philistertum“ einerseits und mit dem absoluten Anspruch des Künstlers.

 

 

2 Hinweise zum Unterricht

 

2.1  Erstes Problemfeld: Der Kater Murr: die Biografie eines Philisters

 

2.1.1        Erster Schritt: Überblick über die Biografie des Katers

Wenn man hier auf die Ergebnisse der Arbeitsgruppe zurückgreifen kann, sind die einzelnen Lebensstationen des Katers schnell genannt. Interessant wird

eine genauere Untersuchung des Inhalts der einzelnen Stationen. Hier wird man stets unterscheiden zwischen dem, was Murr aus seiner Perspektive darstellt (Arbeitsgruppe!), dem „realen“ Geschehen (,‚real“ spricht natürlich die Ebene der epischen Handlung an!) und einer dritten Ebene, die vorläufig noch offen gehalten werden sollte.

Es könnte hier folgende Übersicht erarbeitet werden:

Thema                                         Inhalte                                                 (sprach!.) Darstellung

Gefühle des Daseins            Schläge; Hunger                              —       moralische Ursache

 die Monate                                Essen; lernen  -                                   —        Wirkung;

der Jugend                                 schreiben lesen;                            physische Ausbildung;

                                                 Heringskopf wird gefressen:                 geniales Verhalten;

                                                 Gespräch über Wissenschaft;              Egoismus Altruismus

                                                 Kater lebt über seine                             elbstüberschätzung

                                                 Verhältnisse

Lebenserfahrungen                  „Faulheit“; Inreresselosig-                natürliche Gegeben—

des Jünglings:                             keit; allein auf der Straße;              heit;

... auch ich war in                       lebensuntüchtig;                                 Verlassen-Sein“

Arkadien ...                                 Ponto und die Wurst;                         „Los des Gelehrten“;

                                                 Rückkehr;                                              Vorwürfe an Ponto +

                                                 Erkenntnisse zum Thema                     Liebe = Krankheitsfall

                                                 „Liebe“

Lehrmonate:                               Burschenschaft;                                  Geselligkeit;

launisches Spiel                     Begegnung mit den Spitzen;                gegen Philister;

des Zufalls                               Zweifel am Burschentum;                    Abwertung der

                                                 träge                                                         Spitze;

                                                                                                                 Abwertung der

                                                                                                                 Burschenschaften

Ersprießliche Folgen                Konflikt mit Ponto;                           geistige und

höherer Kultur;                           Enttäuschung                                  wissenschaftliche

die reifen Monate                                                                                  Überlegenheit;

                                                                                                              Liebe zu Kunst und

                                                                                                             Wissenschaft

 

2.1.2        Zweiter Schritt: Die Bildung des Katers

Wir werden zu fragen haben:

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 An welchem Konzept orientiert sich der Kater bei seiner Bildung?

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 Worin besteht inhaltlich seine Bildung?

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 Welches sind die Ziele seiner Bildung?

Wir werden die Erkenntnis anstreben, dass es dem Kater weniger um die Inhalte seiner Bildung geht, um eine prinzipielle Auseinandersetzung mit der Welt oder mit der Gesellschaft, um eine Formung seines Ich, als vielmehr um den Erwerb von Fähigkeiten und Fertigkeiten, die Ansehen verleihen. Es geht ihm also, um es verkürzt zu sagen, weniger um den „Gebrauchswert“ als vielmehr um den „Tauschwert“ von „Bildungsgütern“.

2.1.3        Dritter Schritt: Der Kater und die Gesellschaft

Wichtige Aspekte dieses Schrittes wurden vermutlich schon im vorausgehenden Schritt angesprochen. Hier geht es darum, sie noch einmal im Überblick zusammenzustellen. Fragen könnten etwa sein:

bullet

 Mit welchen gesellschaftlichen Schichten kommt der Kater in Berührung?  Nach welchen Maximen richtet er sich jeweils in seinem Handeln?

bullet

 Zu welchen Ergebnissen führen seine Aktionen? Wie bewertet er diese Ergebnisse? Wie bewerten sie die andern? (Wie bewertet sie der Herausgeber?!)

 

2.1.4        Vierter Schritt: Satirische Elemente

Einiges ist vermutlich schon (Herausgeber ...) angeklungen. Auch hier soll im Zusammenhang besprochen werden. Man wird immer wieder auf Ergebnisse der Gruppe „Perspektiven/Erzählweisen“ zurückgreifen. Im Einzelnen könnten folgende Leitfragen das Vorgehen bestimmen:

bullet

 Die Diskrepanz von Sein und Schein: Untersucht an einzelnen Beispielen (Leichen rede, Selbstbewertung der künstlerischen und wissenschaftlichen Tätigkeit, Liebesgeflüster mit der Taube, Katzburschenschaften ...)

bullet

 Wie ist die künstlerische Tätigkeit des Katers zu sehen?

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 Mit welchen erzählerischen „Tricks“ entlarvt Hoffmann den Kater?

 

2.1.5        Fünfter Schritt: Stoßrichtungen der Hoffmannschen Kritik

Hier könnte die oben angesprochene und zurückgestellte dritte Ebene angegangen werden: Man wird sich wohl leiten lassen von der Ausgangsfrage:

bullet

Inwieweit handelt es sich im Murr-Teil um eine satirische Kritik an Goethes Wilhelm Meister“?

Man wird aber diese Frage dann doch weitertreiben müssen und sich vor allem auf bestimmte Rezeptionsweisen des Goetheschen Romans konzentrieren, eben jene, die allzu einseitig ihr Augenmerk auf die Turmgesellschaft richten und Mignon außer Acht lassen.

In diesem Zusammenhang sollte man den Begriff „Philister“, wie er in der Romantik gehandhabt wurde, etwas ausführlicher behandeln: Siehe hierzu Text 1 im Materialanhang.

 

2.1.6        Überlegungen zur „Wertfrage“

Im Rückgriff auf die Murr-Biografle wird man nun, ausgehend vom Begriff des Bildungsromans, erste Überlegungen zur ‚.Wertfrage“ und deren Beantwortung durch den Kater anstellen.

a)  Die Themenabfolge/Chronologie:

Voraussetzungen:  Normbildende Kraft Wilhelm Meisters; erinnert sei an eine inhaltliche Füllung des Begriffs „Bildungsroman“, wie sie Lukács im Anschluss an Dilthey versucht: Geschichte eines Individuums, dessen fortschreitende Vervollkommnung und Selbstverwirklichung mit dem Ziel, ein Arrangement mit der lange als feindlich erfahrenen Umwelt zu treffen.

Daraus lässt sich nun als Kernproblem des Bildungsromans ableiten:

Selbstverwirklichung des Individuums innerhalb der (bürgerlichen oder feudalen) Gesellschaft, d. h. Ausgleich zwischen Individuum und Umwelt.

b) Zwischenüberlegungen:

Was wird, wenn ein solcher „Ausgleich“ für unmöglich gehalten wird?

(Scheitern des Helden: Kreisler; Parodie mit borniertem Helden: Kater =

‚Ausgleich mit sich selbst; Rückzug in die Innerlichkeit“)

c)  Folgen für die sprachliche Darstellung:

Aus der Perspektive des bornierten Bildungsbürgers wird die Banalität der

äußeren Lebensumstände aufgewertet

—                       durch philosophische Überhöhungen;

—                       durch Darstellung von Seelenzuständen und inneren Erfahrungen;

—                       durch „Hochwertwörter“.

d) Eine genauere Untersuchung der „Bildungsgüter“, die der Kater konsumiert, könnte folgendermaßen verlaufen:

 Grundhaltung: der „Drang zu Höherem“

 Grundeinstellung: „Geniekult“ (Weimarer Klassik!)

Grundzweck: Bildungswissen unter „Tauschwert Aspekt“

Einzelne Beispiele sollten untersucht werden:

—                       Erziehung des kleinen Katers: Fakten: Krallen ... Schläge ... Hunger; Resultat der Schläge: Krallen werden eingezogen; Überhöhung: „oberste moralische Instanz“ -> Schläge; „höchste Moral“ -> Angepasstheit im Handeln; Resultat der Schläge -> glücklich leben.

—                       Genie-Streiche: schneller und selbstständiger Erwerb der Bildungsgüter (Lesen, Schreiben); Anhäufung von willkürlich ausgewähltem Wissens- und Lesestoff; eigene Produktion: Lyrik (Taube wird angesungen, damit man sie fressen, kann), Monografien (hochtrabende Titel, belanglose Inhalte; Spitze: Über die Pudelsprache: versteht Murr selbst nicht ...); Veredlung durch Bildung (Beispiel Heringskopf: Diskrepanz zwischen triebgesteuertem Handeln und der überhöhenden Darstellung dieses Handelns. das nun positiv erscheint.)

—                       Arkadien: Seit 17. Jh. geflügeltes Wort: Et in arcadia ego; Schiller, Goethe machen daraus Symbol der Klassik; Arkadien als idyllisches Land des Glücks; Murr stellt seinen Lebenslauf bewusst in die „klassische Reihe“; er reist allerdings nicht, sondern gibt sich mit seccondhand-Erlebnissen zufrieden.

 

Eine Zwischenbilanz könnte u. a. etwa folgende Ergebnisse festhalten:

•   Hoffmann übt Kritik an einer Bildung, die sich versteht als eine Anhäufung/Aneignung von Wissen.

•   Die Kritik richtet sich gegen eine Bildung, der es nicht um Selbstfindung bzw. Selbstverwirklichung geht, sondern um Anpassung an philiströse Verhältnisse.

•   Die Kritik richtet sich gegen eine allzu pragmatische Wertorientierung, der es mehr um „bequemes“ Leben als um humanen Lebensvollzug geht.

 

2.2   Zweites Problemfeld: Kreisler: Existenzprobleme des künstlerischen Menschen

 

Der Übergang von der Betrachtung des Kater-Teils zum Kreisler-Teil könnte auf verschiedene Arten organisiert werden. Zwei Fragestellungen haben sich als besonders reizvoll und für die Überlegungen, die im späteren dritten Problemfeld anzustellen sind, recht fruchtbar gezeigt:

 

2.2.0    Übergänge

a)   Ausgangspunkt: Was hat Kreisler überhaupt mit dem Kater Murr zu tun?

•                                                      Zunächst wird man die recht vordergründig anmutenden Ausführungen des Herausgebers zur Kenntnis nehmen, wonach der Kater irgendwelches Makulaturpapier benutzte, der Setzer später nicht aufpasste und so einige Teile einer Kreisler-Biografie in die „Lebensansichten des Katers Murr“ geraten sind. Zieht man aber das Nachwort desselben Herausgebers heran, so wird man schon vorsichtiger werden. Dazu kommt noch, dass ein Umfangsvergleich erkennen lässt, dass die Ausführungen zu Kreisler wesentlich umfangreicher sind als die zum Kater. (140 Seiten Murr; 217 Seiten Kreisler) Schließlich gibt es auch inhaltliche Verbindungen zwischen der Murr- und der Kreislerhandlung.

•                                                      Weiter sollten die Überlegungen an dieser Stelle noch nicht getrieben werden. (Allerdings sollten die ersten Ergebnisse fixiert werden, damit später auf sie zurückgegriffen werden kann, wenn es darum geht, über die Erzählweise Hoffmanns und deren besondere Funktion nachzudenken.)

 

b)    Erprobung von Fragestrategien

Eine zweite Möglichkeit des Übergangs könnte darin bestehen, dass im Unterricht versucht wird, die zentralen Fragestellungen, die die Arbeit am Murr-Teil bestimmten, so zu modifizieren, dass von ihnen ausgehend —auch die Figuren und Handlung des Kreisler-Teils erfasst werden können. Hier sollten die Schüler selbstständig Fragen formulieren und auch deren Tragfähigkeit erproben, indem sie erste Untersuchungsschritte einleiten. Der Lehrer wird sich zunächst ganz zurückhalten und dann. darauf beschränken, zusätzlich zu fragen, zu verunsichern und so zur Erkenntnis zu führen, dass die Fragen. die an den Kater gestellt wurden, nicht in der Lage sind, wesentliche Aspekte der Figur des Kreisler zu erfassen oder gar zu erschließen. Daraus könnte als Hypothese für den späteren dritten Teil abgeleitet und formuliert werden:

Im Kreisler-Teil wird offenkundig, dass das Konzept des Bildungsromans, wie es im Murrteil parodiert wird, nicht mehr tragfähig ist. Vielleicht kann man sogar noch einen Schritt weitergehen und auch erste Vermutungen zur sich niederschlagenden Wirklichkeitsauffassung E. T. A. Hoffmanns fixieren, sofern sie sich aus der ersten Betrachtung der Zeitgestaltung gerade des Kreisler-Teils ergeben.

Hinweis: Die beiden skizzierten Möglichkeiten lassen sich getrennt realisieren. Es ist freilich auch sehr wohl möglich, sie miteinander zu verbinden. Man könnte natürlich auch auf sie verzichten und sie erst als Einleitung zum dritten Problemkreis heranziehen.

Aus der Erfahrung des Scheiterns heraus sollten die Schüler nun versuchen, Fragen bzw. Fragen- und Problemkomplexe zu formulieren, die ihnen im Zusammenhang mit Kreisler wirklich interessant erscheinen. Diese Fragen sollten zunächst ungesteuert zusammengetragen werden. Schließlich wird man sie ordnen und unter übergeordneten Gesichtspunkten zusammenfassen. Erfahrungsgemäß ergeben sich hier folgende übergeordnete Gesichtspunkte:

 

2.2.1       Erster Problemkreis: Kreislers Biografie

Bei der Behandlung der hier anstehenden Fragen wird man auf die einzelnen Ergebnisse der Gruppenarbeit zurückgreifen können. Dabei soll keine komplette Biografie bzw. eine Chronologie des Kreislerschen Lebenslaufs angestrebt werden, wohl aber sollen wichtige Punkte markiert werden. Es wird sich herausstellen, dass die Erzählchronologie und die Geschehenschronologie keineswegs parallel laufen. Hier wird bereits durch Grundstrukturen des Erzählvorgangs ein einheitliches Wirklichkeitskontinuum in Frage gestellt. Stattdessen werden recht heterogene Wirklichkeitsausschnitte montiert. So entsteht der Eindruck einer mehrbödigen, keineswegs eindeutig allen in gleicher Weise zugänglichen und miterlebbaren Wirklichkeit erweckt. Eine genauere und weitere Verfolgung dieses Aspekts sollte in den dritten Problembereich verlagert werden.

Abschluss dieses Fragenkomplexes könnte die Frage nach der sagen wir einmal — Zielorientierung der Kreisler- Biografie sein. M. a. W. es sollte gefragt werden:

 Wie und worauf hin ist die Figur des Kreisler konzipiert?  Was soll und will sie in der Welt?

Es werden so die bisher zusammengetragenen biografischen Details gewissermaßen „zentriert“ um den Grundtenor der Hoffmannschen Konzeption der Figur des Kreisler zu erfassen: Kreisler als Repräsentant eines Künstlertums, wie es sich für E. T. A. Hoffmann im eigenen Existenzvollzug selbst als Problem stellt. Damit ändert sich die gesamte Fragestellung für das weitere Arbeiten: Es wird nicht mehr „allgemein“ nach dem Menschen gefragt (was auch immer man in der Rezeption des „klassischen Bildungsromans“ unter „dem Menschen“ verstand), sondern es wird die Fragestellung, die sich Goethe

 

vermutlich zu Beginn seiner Arbeit am Roman (Theatralische Sendung ...) stellte, die der alternde Goethe noch in der Figur der Mignon und des Harfners profilierte, wenn auch nicht bewältigte, erneuerf und radikalisiert. Es wird gefragt nach dem Künstler Kreisler und seinen Möglichkeiten. Diese, wenn man so will: Determination „Kreisler als Künstler“ ist bei allen künftigen Fragestellungen gewissermaßen als Grundprinzip mitzudenken.

 

2.2.2   Zweiter Problemkreis: Kreisler und die (höfische) Gesellschaft

Zu behandeln sind hier:

 Kreislers Rollen und Absichten am Hof

 Die Rolle der Kunst am Hof

„Es mag wohl sein, dass die Liebe der großen Herrn zur Kunst und Wissenschaft nur als ein integrierender Teil des eigentlichen Hoflebens anzusehen ist. Der Anstand erfordert es, Gemälde zu besitzen und Musik zu hören, und übel würde es sein, wenn der Hofbuchbinder feiern und nicht die neueste Literatur in Gold und Leder kleiden sollte. Ist aber jene Liebe ein integrierender Teil des Hoflebens selbst, so muss sie mit diesem zugleich untergehen und kann nicht als etwas für sich Bestehendes Trost gewähren,...“ (Aus: E.T.A. Hoffmann: Lebensansichten In: W. Müller-Seidel [Hrsg.]: Hoffmann:

Gesamtausgabe in sechs Bden. Darmstadt 1979. Bd. 2. S. 326)

 

Ergänzend könnte hier der satirisch gemeinte Text aus den „Kreisleriana“ zum „Wert der Musik“ (Anhang Text 2) herangezogen werden. So würde klar, dass der „Hof" nur als besonders gut geeignetes „Exempel“ eingesetzt wird, um die Missachtung von Kunst und Künstler darzustellen.

Das dargestellte höfische Leben als Satire (aber mit ernstem Hintergrund)

Die Einschätzung Kreislers durch den Hof: Warum wird er als Künstler nicht angestellt?

Und immer werden Sie“, erwiderte die Benzon, „mit dieser phantastischen Uberspanntheit. mit dieser herzzerschneidenden Ironie, nichts anstiften als Unruhe, Verwirrung, völlige Dissonanz aller konventionellen Verhältnisse, wie sie nun einmal bestehen   (S.351)

Der Fürst verweigert eine Anstellung, weil Kreisler zu viel von Kunst versteht. (S. 407)

 

2.2.3    Dritter Problemkreis: Kreisler und sein Scheitern

Ausgangspunkt sollten hier zwei Textzitate sein:

Kreisler selbst erläutert die Symbolik seines Namens:

„Sie können nicht wegkommen von dem Worte Kreis, und der Himmel gebe, dass Sie denn gleich an die wunderbaren Kreise denken mögen, in denen sich unser ganzes Sein bewegt, und aus denen wir nicht herauskommen können, wir mögen es anstellen, wie wir wollen. In diesen Kreisen kreiselt sich der Kreisler, und wohl mag es sein, dass er oft ermüdet von den Sprüngen des St.-Veits-Tanzes, zu dem er gezwungen, rechtend mit der dunklen, unerforschlichen Macht, die jene Kreise umschrieb, sich mehr, als es einem Magen, der ohnedies nur schwächlicher Konstitution, zusagt, hinaussehnt ins Freie.“ (S.  352)

 Meister Abraham charakterisiert Kreisler so:

„Seht, der Kreisler ... versteht nicht eure Redensarten, der Stuhl, den ihr ihm hinstellt, damit er Platz nehme unter euch, ist ihm zu klein, zu enge; ihr könnt ihn gar nicht für euresgleichen achten, und das ärgert euch. Er will die Ewigkeit der Verträge, die ihr über die Gestaltung des Lebens geschlossen, nicht anerkennen, ja er meint, dass ein arger Wahn, von dem ihr befangen, euch gar nicht das eigentliche Leben erschauen lasse, und dass die Feierlichkeit, mit der ihr über ein Reich zu herrschen glaubt, das euch unerforschlich, auch gar spaßhaft ausnehme, und das alles nennt ihr Verbitterung ... Der Geist der wahren Liebe wohnt in ihm, doch vermag dieser ein Herz zu erwärmen, das auf ewig zu Tode erstarret ist, ja in dem niemals der Funke war, den jener Geist zur Flamme aufhaucht?“ (S. 499)

Weiterhin wird man Kreislers künstlerische Ansprüche herausarbeiten und feststellen, dass hier eine wesentliche Ursache für sein Scheitern zu sehen ist. Es wird hier zunächst wohl notwendig werden, die Konfiguration genauer zu untersuchen. Dabei stellt sich heraus, dass alle Figuren auf Kreisler hin konzipiert wurden (lediglich Meister Abraham könnte man hier ausnehmen). Sie stellen durchgehend positive oder negative Versionen einzelner Aspekte dar, deren Gesamtheit sich dann in der Figur Kreislers vereinigt. Die Überlegungen könnten im Schema etwa so zusammengefasst werden:

In einer zweiten Konfigurationsskizze könnte man die Figuren unterscheiden nach den Merkmalen „beschützend“ und „bedrohend“:


                   

Es bleibt zu überlegen und damit würde man über das Hoffmannsche Werk hinausgehen inwiefern überhaupt angesichts der gegebenen Umstände ein Anspruch, wie ihn der Künstler Kreisler formuliert, realisierbar ist. Darüber hinaus könnte man diskutieren, ob bzw. inwieweit es sinnvoll ist, Ansprüche zu formulieren, die mit solch rigider Absolutheit auftreten, dass eine Realisation von vornherein unmöglich erscheint.

•   Natürlich wird man in diesem Zusammenhang auch auf das Problem der Entfremdung von Kunstwerk und Künstler zu sprechen kommen, ein Problem, wie es E. T. A. Hoffmann an anderer Stelle exemplarisch vorführt in der Figur des Cardillac im „Fräulein von Scuderi“. (Gegebenenfalls und bei genügend Interesse könnte man hier eine Sonderarbeit für einen Schüler/eine Schülerin ausformulieren, die dann den übrigen Kurs über diese Frage etwas genauer informieren könnte.)

•   In gleicher Weise wird man auch der Frage nachzugehen haben, inwieweit Kreisler wahnsinnsgefährdet ist und worin diese Gefahrdung ihre Ursachen hat.

Als denkbare Möglichkeiten kommen etwa in Frage:

•   Natürliche Veranlagung;

•   Dauerbelastung;

•   Diskrepanz zwischen dem, was er als Künstler will und einsieht, und dem, was er im Rahmen der gegebenen Umstände realisieren kann und darf;

•   Diskrepanz zwischen dem, was er als Künstler einsieht, und dem, was er als Mensch realisieren kann.

Es bleibt dann auch zu fragen, inwiefern, der Wahnsinn überhaupt als Krankheit und nicht als Befreiung, Erlösung anzusehen ist. Vielleicht könnte man sich auch hier auf einen knappen Sekundärtext einlassen. (Siehe Text 3 im Materialanhang)

 

2.2.4 Vierter Problemkreis: Kreisler und die Liebe Es sollte hier genauer untersucht werden:

 Wie gestaltet E.TA. Hoffmann das Verhältnis Kreisler—Hedwiga?  Wie wird das Verhältnis Kreisler—Julia gestaltet?

Besonders das Verhältnis zu Julia wird unter dem Stichwort „Künstlerliebe“ zu reflektieren sein. Wenn es auch nicht ganz leicht fallen dürfte, den heutigen Schülern das Hoffmannsche Konzept, das sich hier spiegelt, nahe zu bringen, so könnten die Schüler es doch wenigstens zu begreifen versuchen. Vielleicht könnte der folgende Text ihnen dabei etwas helfen:

Es war das die Idee der Künstlerliebe, die keine andere Wirklichkeit als nur im Geiste hatte, ja auch haben durfte, einer Liebe, die nicht leiblich besitzen wollte, sondern nur in dem Gefühl einer metaphysischen Seelengemeinschaft bestand und deren geistiges Kind das Kunstwerk war."

(Aus: Korff: Geist der Goethezeit. S. 567)


 

„An den Künstlergestalten Hoffmanns wird überhaupt offenbar, dass die fast religiöse Verklärung der Kunst und die Spiritualisierung der Künstlerliebe mit einer gewissen Folgerichtigkeit auch zur Forderung des Künstlerzölibats führt.“

(Aus: K. L. Schneider: Künstlerliebe und Philistertum im Werk E. T. A. Hoffmanns. In: H. Steffen [Hrsg.]: Die deutsche Romantik. Göttingen 1970. S. 213)

 

Den zweiten Block abschließende Leitfragen könnten etwa sein:

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 Welche Elemente eines modernen Menschenbildes treten in der Figur des Kreisler auf?

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 Welche Probleme hinsichtlich einer Wertorientierung macht E. T A. Hoffmann in der Figur des Kreisler offenkundig?

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 Welche Werte, Maßstäbe, Normen haben für Kreisler überhaupt noch als Orientierungshilfen Bestand?

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 Wie geht die Gesellschaft um Kreisler mit ihren Werten um? Wie steht sie zu dem, was Kreisler als Werte ansieht?

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 Wie bewältigt der Autor Hoffmann die offenkundig werdenden Diskrepanzen und Verwerfungen? (Aufbrechen von Formen, Ironie ...)

Die letzte Leitfrage könnte den Übergang zum dritten Teil einleiten.

 

2.3           E.T. A. Hoffmanns Weitsicht

 

Wenn hier von der Weitsicht des Autors E. T. A. Hoffmann die Rede ist, so soll damit nicht in Aussicht gestellt werden, es solle hier der Biografie und den theoretischen Schriften folgend der Versuch unternommen werden, nachzuzeichnen, welches Weltbild der Dichter und Musiker Hoffmann im Laufe seines Lebens entwarf. Es geht vielmehr darum zu untersuchen, welche Konzeption von Welt, Mensch und menschlichem Zusammenleben wie menschlicher Weltwahrnehmung hinter dem konkreten Roman steht und seine Figuren und deren Handeln, vor allem aber die Erzählstrukturen, bestimmte. Es werden bei der Erarbeitung zwei Wege zu beschreiten sein:

•   Zum einen werden wir die eine oder die andere theoretische Äußerung Hoffmanns heranziehen,

•   zum anderen aber werden wir versuchen, aus den erzähltechnischen und strukturellen Gegebenheiten des vorliegenden Romans wesentliche Aspekte des dahinter stehenden Weltbildes zu erschließen.

 

2.3.0        Einstieg

Als Einstieg in diese Phase bietet sich eine Wiederholung der im Verlauf des zweiten Teils formulierten Thesen bzw. Hypothesen zum Gesamtkomplex an. Beim ersten Gespräch über diese Hypothesen wird man die Arbeitsbereiche etwas präziser eingrenzen. Vielleicht wird man auch versuchen, in wenigen Sätzen zu formulieren,  welches Welt- und Menschenbild der Kater Murr repräsentiert und

 welches Welt- und Menschenbild die Grundlage des Kreisler-Teils darstellt. (Natürlich wird man bei diesen Formulierungen keine Perfektion anstreben.)

Es wird auch zurückgegriffen werden auf das Einstiegswirkungsgespräch und die dort vermutlich geäußerten Probleme mit dem Aufbau, mit der Form, mit der Handlungschronologie. Insgesamt könnte auch die Frage nach dem, was denn nun „wirklich“ und was „fantastisch“ im Roman ist, einen wichtigen Ansatzpunkt liefern.

 

2.3.1        Erzählverfahren

Aus diesen Überlegungen lässt sich die Frage nach dem Erzählverfahren ableiten, das Hoffmann hier anwendet. Ehe man sich einer theoretischen Äußerung Hoffmanns zuwendet, sollten aber versuchsweise einige Elemente der Erzählweise zusammengetragen werden. Hier wird man natürlich auf die entsprechende Gruppe zurückgreifen, aber auch die anderen Schüler sollten den einen oder anderen Beitrag liefern können. Die Beiträge werden vorläufig ungefiltert gesammelt und festgehalten. Es könnten etwa genannt werden:

•   Kater als handelnde Figur (Tierfabel)

•   exakte Beschreibung gesellschaftlicher Zustände (Burschenschaft, Hof)

•   exakte Beschreibung von Abläufen (Lebenslauf des Katers)

•   Durchbrechen eindeutiger chronologischer Festlegungen (Kreisler-Biografle)

•   Souveräner Ich-Erzähler (Kater)

•   personale Erzählsituation mit wechselnder Perspektive (Kreisler, Meister Abraham)

•   vorgetäuschte Souveränität des einleitenden und kommentierenden Herausgebers

•   übertreibende Ironie (Murr-Teil)

•   Sarkasmus (Kommentare aus der Kreisler-Perspektive)

•   tragische Ironie (Selbsteinschätzung Kreislers: Meister Abraham über Kreisler)

Nun wird man sich einer theoretischen Äußerung Hoffmanns zuwenden: Siehe

Materialanhang:    Text 4 (,‚Callots Manier“) und den Kupferstich.

Anhand des Textes und der Abbildung lassen sich herausarbeiten:

•   das einzelne Element besteht für sich

•   heterogene Elemente

•   Elemente sind dem Ganzen untergeordnet (Komposition)

•   Orientierung an der Realität

•   Phantastische Überhöhung

•   Ironie als Darstellungsmittel

Im Anschluss sollten Vermutungen angestellt werden über die Weitsicht, die

sich hinter einer solchen Erzählweise verbirgt. Man könnte z. B. konkret fragen:

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 Warum gibt es keinen allwissenden Erzähler mehr?

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 Worauf lässt das Fehlen eines solchen Erzählers schließen?

 

Aus dem Gespräch lässt sich überleiten zur grundsätzlichen Arbeitsfrage zum nächsten Text:


 

Welches Grundprinzip lässt sich aus dem Text bzw. den Textschnitten heraus rekonstruieren? (Text 5 siehe Materialanhang)

 

Leitfragen/Arbeitsaufträge könnten sein:

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 In dem Text ist von zwei Wirklichkeitsebenen die Rede. Markieren Sie mit zwei verschiedenen Farben die entsprechenden Textteile.

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 Was wird in dem Text über Wirklichkeit“ ausgesagt?

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 Welches ist das entscheidende Manko des „Einsiedlers“?

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 Welches ist sein großer Vorzug?

 

Im Text wird der Einsiedler mit dem Dichter verglichen.

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 Welche Parallelen werden genannt?

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 Es wird auch ein Gegenbild eines Dichters skizziert, dem Entscheidendes fehlt. Was fthlt? Was hat er als Vorzüge?

 

Mit einer übergreifenden Leitfrage wird man die Überlegungen zum „serapiontischen Prinzip“ einleiten:

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 Haben wir es hier mit einer „dualistischen“ Wirklichkeitssicht zu tun? Sodann wird man aber auch fragen müssen:

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 Welche Möglichkeiten sieht Hoffmann, diesen Dualismus zu bewältigen?

 

Als vorläufige Antworten könnten in Frage kommen:

•   Der banale, angepasste Pragmatismus des Katers ignoriert jeden potentiell gefährlichen zweiten Aspekt.

•   Der Wahnsinn des Einsiedlers leistet ein Übersteigen des gefährlichen „In der Schwebe Haltens“.

•   Die Position Kreislers lässt sich in die Überlegungen einbeziehen als ein „Wandern auf dem schmalen Grat“. Dieses Wandern ist nur möglich, solange Kreisler noch die Gelegenheit hat, sich als Künstler zu verwirklichen.

Hier schließt sich nun der Kreis und wir können zum Erzählverfahren selbst zurückkehren. Es wird deutlich, welche Funktion und Bedeutung die konstatierten Erzähltechniken haben:

•   Der Mensch tut sich schwer, bei der Suche nach einem Fixpunkt. Es gibt eben nur noch die Multiperspektivität.

•   Der reine Pragmatismus, wie ihn der Kater repräsentiert, mag für Leute von der Art des Katers noch als Möglichkeit hingehen, er wird aber für andere, wie sie Kreisler repräsentiert, zum unüberwindlichen Hemmnis, wenn sie versuchen, sich als Künstler zu verwirklichen und ihre Lebensgestaltung selbst in die Hand zu nehmen.

 

2.3.2 „Lösungen“?

Mit der Frage: Was bleibt nun einem Kreisler/Hoffmann angesichts der Restriktionen der sie umgebenden philiströsen Welt? wird die Problematik erweitert.

Hoffmann bietet keine schlüssigen Antworten an, wohl aber gibt er verschiedene Hinweise und deutet Lösungswege an.

•   Da ist zum ersten der Weg, den der Abt vorschlägt. Für Kreisler kommt dieser Weg nicht als Lösung von Dauer in Frage (die aber wohl genutzt wird als eine Möglichkeit, vorübergehend zur Ruhe zu kommen!).

•   Da ist auch der Weg Meister Abrahams, der aus der souveränen Distanz so handelt, wie er es für richtig hält. Er kann ihn aufgrund seiner Welterfahrung und seiner erworbenen Fähigkeiten auch reklamieren. (Er verfügt über persönliche Eigenschaften, hat sich die richtigen Fertigkeiten angeeignet und versteht es, sich der Gesellschaft einerseits notwendig zu machen, andererseits sich auch ihr zu entziehen. Er bewahrt sich durchgehend die Ironie, die es ihm erlaubt, jede Situation zu beherrschen. Allerdings: auch er erfährt seine Grenzen dort, wo er emotional betroffen bzw. verwundbar ist (Chiara).

•   Eine weitere Lösungsrichtung deutet sich wohl auch im Bereich der Künstlerliebe an.

 

Alle Lösungen markieren freilich nur Ansätze, die jeweils beschränkt sind und für Kreisler nicht als ausschließliche Wege der Verwirklichung seines Lebens als Künstler in Frage kommen. So dokumentiert sich die Unmöglichkeit einer schlüssigen Lösung. Zwei Aspekte unterstreichen dies:

•   Der Roman ist und bleibt unabgeschlossen, ein Fragment, und alle Versuche einer Weiterführung müssen zwangsläufig ins Unendliche führen oder ins Banal-Philiströse. (Wenn auch ein dritter Band möglicherweise geplant war: Wie er hätte aussehen sollen oder können ist nur rein spekulativ auszumachen.)

•   Wir stoßen immer wieder auf die Ironie, die in der Romantik als eine der wesentlichen Möglichkeiten genutzt wird, um dem Augenschein nach schlüssige Systeme bzw. Lösungen aufzubrechen, Harmonieschlüsse zu unterlaufen und allzu Gesichertes in Frage zu stellen. (Freilich geschieht dies nicht im Sinne einer nihilistischen Ablehnung als vielmehr im Bewusstsein, dass es dem Menschen eben grundsätzlich versagt bleibt eine letztendlich schlüssige und dann noch immanente Lebensorientierung zu finden. Ihm bleibt nur die Suche nach der „Blauen Blume“ als Prinzip und die Poetisierung des Lebens als Verfahren. (U. U. wird man zur Verdeutlichung der Funktion der Ironie den Text von Schlegel Text 5 im Materialanhang in die Überlegungen einbeziehen.)

 

2.4           Abschluss und Integration in die bisherigen Überlegungen

 

Im Sinne der Konzeption der Gesamtreihe wird man nun die Wertfrage im übergreifenden Sinn in Angriff nehmen. Vielleicht steigt man hier ein über die ironische Behandlung der im Kater Murr sich spiegelnden philiströsen Wertvorstellungen und kommt dann zur Diskussion eines möglichen Werterelativismus, wie er aus dem Erzählverfahren abgeleitet werden könnte.

Allerdings sollte auch der unbedingte Anspruch Kreislers, den dieser ja nie aufgibt, in die Wertediskussion einbezogen werden. Zwar handelt es sich hier um den Anspruch des Künstlers, doch dürfte sich das Künstlertum hier sehr wohl als Metapher für menschliches Dasein und humanen Existenzvollzug überhaupt verstehen lassen.

Freilich: Es darf auch nicht übersehen werden, dass sich hier die Forderung nach einer Autonomie (im engsten Wortsinn) des Individuums abzeichnet, die

das wird sich später zeigen von Süskinds Grenouille auf die Spitze getrieben und in ihrer letzten Konsequenz durchgespielt wird. Insofern könnte hier die Diskussion schon auf die Lektüre des später ins Auge zu fassenden Romans vorbereiten. (Vielleicht ist es sogar möglich, eben diese Lektüre zusätzlich zu motivieren.)

 

 

3   Materialanhang

 

Text 1

Clemens Brentano: Philister

Sie nennen die Natur, was in ihren Gesichtskreis oder vielmehr in ihr Gesichtsviereck fällt, denn sie begreifen nur viereckige Sachen, alles andere ist widernatürlich und Schwärmerei. Sie begreifen das Abendmahl nicht und halten viel auf Brotstudien. Eine schöne Gegend, sagen sie, lauter Chaussee! Voltaire ist ihnen lieber als Shakespeare, Wieland als Goethe, Ramler als Klopstock, Voß der Allerliebste; und wir verdanken ihren Bitten an diesen Dichter, dass er in der Verbesserung seiner „Luise“ statt Buchöl Provinzöl an den Salat tut und im Wald, wo der Kaffee gekocht wird, eine Quelle zugedichtet, statt, wie sonst, das Wasser mitzuschleppen. Ihre Asthetik ist Erdmann Uhsens Definition von der Poesie: Was ist die deutsche Poesie? Die deutsche Poesie ist eine Geschicklichkeit, seine Gedanken über eine gewisse Sache zierlich, doch dabei klug und deutlich in abgemessenen Worten und Reimen vorzubringen. Einer unter ihnen hat, als er sich eine Bettstelle von Mahagoni machen ließ, gleich eine zweite dazu machen lassen, damit, wenn er etwa einmal heirate, sie gleich braun seien. Sie freuen sich, dass heutzutage doch ein honetter Mann Schauspieler werden könne, weil kein Hanswurst mehr auf der Bühne sei, ein Hofrat sei doch noch honett zu spielen. Sie wünschen den Schauspielern Glück, dass sie in gute Gesellschaft kommen können, das heißt, dass sie zu ihnen kommen können um ebenso große Philister zu sein. Sie glauben, mit der Welt sei es eigentlich aus, weil es mit ihnen nie angegangen.

Sie halten sich für etwas Apartes und können die Augenbrauen bis unter die Haare ziehen. Sie belächeln alles von oben herab, halten allen Scherz für Dummheit, bedauern, dass wir keine römischen Klassiker sind, und gratulieren sich einander, in einer Zeit geboren zu sein, worin so vortreffliche Leute wie sie leben, und zwar ganze Tabakskollegia voll, wo die Aufklärung als ein ewig glimmender Zündstrick ihnen die Köpfe (Pfeifenköpfe) entzündet, welches Feuer sie als Opferrauch sich selbst wieder darbringen; am andern Morgen stinken diese Tempel so ziemlich, und der Herr vom Hause, sagt Goethe, weiß immer, wo es stinkt. Wenn er aber einstens die Fenster öffnet, diese Erde zu lüften, so werdet ihr sehen, dass es der Teufel war, der den bösen Geruch zurückließ, und dass der Zündstrick der Aufklärung, an dem die Philister ihre Köpfe anbrennen, unmittelbar aus seinem Schwanze gesponnen ist. Sie haben alle eine Neigung zu Schmierstiefeln und haben sich zusammen ein Stück Serge de Berry zu Hosen gekauft. Sie behaupten, man müsse die Festungen übergeben um die Häuser zu schonen, und lassen gern ewige alte Eichen umhauen um irgendeinen Pflaumenbaum anzupflanzen. Sie glauben, die Deutschen seien kein herrliches Volk, sie müssten von den Franzosen gebildet werden, doch schwätzen sie immer von Deutschheit, Redlichkeit, und wenn es nur erst zur Reife käme. Sie würden gar nichts gegen die Franzosen haben, wenn ihnen nur die Einquartierung nicht so viel kostete; die Engländer nennen sie Englishmen und lieben sie allein wegen der Pfund Sterling, wobei sie fragen, was schwerer sei, ein Pfund Federn oder ein Pfund Gold? Sie können sich denken, das Militär könne etwas bedeuten ohne Begeisterung, und haben sich in communi Bachenschwanz‘ Abbildung der sächsischen Armee auf der Auktion gekauft und können nicht begreifen, wie dieser solide Mann auch den tollen Dante übersetzt. Sie lesen sich gegenseitig langweilige Abhandlungen vor, schleppen sich mit platten Satiren und Epigrammen; maulvolle, rumpelnde Brocken, welche hinunterzuwürgen ihrer Seele blitzblau die Augen vor den Kopf treten, sind ihnen erhaben. Sie rezensieren Dinge, die sie nicht verstehn, und treiben ihren Spott mit den Notformeln der Philosophen oder sind auch imstande, selbst sich ganz lächerlich in philosophischen Reden in die Höhe zu steifen, so dass ihre Seele hoffärtig auf andre schuldlose Naturen herabsieht wie ein gefrorner Schlafrock, der, zum Trocknen im Winter aufgehängt, die kleinen Vögel verscheucht, die die Körner im Schnee des Gartens suchen. Wenn sie sich schneuzen, trompeten sie ungemein mit der Nase. Alle Begeisterten nennen sie verrückte Schwärmer, alle Märtyrer Narren, und können nicht begreifen, warum der Herr für unsre Sünden gestorben und nicht lieber zu Apolda eine kleine nützliche Mützenfabrik angelegt. Nie hat sie der Regen ohne Regenschirm getroffen. Sagen sie: Guten Abend, guten Morgen, guten Tag! Wie geht‘s. was macht die Frau Liebste ? so denken diese Elenden nichts dabei, es fällt ihnen vom Maul, und nach Tisch wünschen sie einem, wohl gespeist zu haben, wenn man gleich gehungert hat. Sie haben alle ihre Leiber in ihrer feierlichsten Stunde der Anatomie, ihre Köpfe dem Doktor Gall zur Erweiterung der Wissenschaft verschrieben und sind ungemein stolz darauf und haben sich an diesem Tage in Cottbuser Bier übernommen.

(Text aus: Der Philister vor, in und nach der Geschichte. In: F. Kemp [Hrsg.]: C. B.: Werke. Bd. 2. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1963. S. 990—992)

Text 2

E.T.A.      Hoffmann: Gedanken über den hohen Wert der Musik

Es ist nicht zu leugnen, dass in neuerer Zeit, dem Himmel sei‘s gedankt! der Geschmack an der Musik sich immer mehr verbreitet, so dass es jetzt gewissermaßen zur guten Erziehung gehört, die Kinder auch Musik lehren zu lassen, weshalb man denn in jedem Hause, das nur irgend etwas bedeuten will, ein Klavier, wenigstens eine Gitarre findet. Nur wenige Verächter der gewiss schönen Kunst gibt es noch hie und da, und diesen eine tüchtige Lektion zu geben, das ist jetzt mein Vorsatz und Beruf. Der Zweck der Kunst überhaupt ist doch kein anderer, als dem Menschen eine angenehme Unterhaltung zu verschaffen und ihn so von den ernstem oder vielmehr den einzigen ihm anständigen Geschäften, nämlich solchen, die ihm Brot und Ehre im Staat erwerben, auf eine angenehme Art zu verstreuen, so dass er nachher mit gedoppelter Aufmerksamkeit und Anstrengung zu dem eigentlichen Zweck seines Daseins zurückkehren, d. h. ein tüchtiges Kammrad in der Walkmühle des Staats sein, und (ich bleibe in der Metapher) haspeln und sich trillen lassen kann. Nun ist aber keine Kunst zur Erreichung dieses Zwecks tauglicher als die Musik. Das Lesen eines Romans oder Gedichts, sollte auch die Wahl so glücklich ausfallen, dass es durchaus nichts fantastisch Abgeschmacktes, wie mehrere der allerneuesten, enthält und also die Fantasie, die eigentlich der schlimmste und mit aller Macht zu ertötende Teil unserer Erbsünde ist, nicht im Mindesten anregt dieses Lesen, meine ich, hat doch das Unangenehme, dass man gewissermaßen genötigt wird, an das zu denken, was man liest: Dies ist aber offenbar dem Zweck der Zerstreuung entgegen. (...) Das Beschauen eines Gemäldes kann nur sehr kurz dauern: Denn das Interesse ist ja doch verloren, sobald man erraten hat, was es vorstellen soll. Was nun aber die Musik betrifft, so können nur jene heillosen Verächter dieser edeln Kunst leugnen, dass eine gelungene Komposition, d. h. eine solche, die sich gehörig in Schranken hält und eine angenehme Melodie nach der andern folgen lässt, ohne zu toben oder sich in allerlei kontrapunktischen Gängen und Auflösungen närrisch zu gebärden, einen wunderbar bequemen Reiz verursacht, bei dem man des Denkens ganz überhoben ist oder der doch keinen ernsten Gedanken aufkommen, sondern mehrere ganz leichte, angenehme von denen man nicht einmal sich bewusst wird, was sie eigentlich enthalten, gar lustig wechseln lässt. Man kann aber weiter gehen und fragen: Wem ist es verwehrt, auch während der Musik mit dem Nachbar ein Gespräch über allerlei Gegenstände der politischen und moralischen Welt anzuknüpfen und SO einen doppelten Zweck auf eine angenehme Weise zu erreichen? Im Gegenteil ist dies gar sehr anzuraten, da die Musik, wie man in allen Konzerten und musikalischen Zirkeln zu bemerken Gelegenheit haben wird, das Sprechen ungemein erleichtert. In den Pausen ist alles still, aber mit der Musik fängt der Strom der Rede an zu brausen und schwillt mit den Tönen, die hineinfallen, immer mehr und mehr an. Manches Frauenzimmer, deren Rede sonst nach jenem Ausspruch: Ja, ja! Und Nein, nein! ist, gerät während der Musik in das Übrige, was nach demselben Ausspruch zwar vom Übel sein soll, hier aber offenbar vom Guten ist, da ihr deshalb manchmal ein Liebhaber oder gar ein Ehegemahl, von der Süßigkeit der ungewohnten Rede berauscht, ins Garn fällt. Himmel, wie unabsehbar sind die Vorteile einer schönen Musik! Euch, ihr heillosen Verächter der edlen Kunst, führe ich nun in den häuslichen Zirkel, wo der Vater, müde von den ernsten Geschäften des Tages, im Schlafrock und in Pantoffeln fröhlich und guten Muts zum Murki seines ältesten Sohnes seine Pfeife raucht. Hat das ehrliche Röschen nicht bloß seinetwegen den Dessauer Marsch und „Blühe liebes Veilchen“ einstudiert, und trägt sie es nicht so schön vor, dass der Mutter die hellen Freudentränen auf den Strumpf fallen, den sie eben stopft? Würde ihm nicht endlich das hoffnungsvolle, aber ängstliche Gequäke des jüngsten Sprößlings beschwerlich fallen, wenn nicht der Klang der lieben Kindermusik das Ganze im Ton und Takt hielte? Ist dein Sinn aber ganz dieser häuslichen Idylle, dem Triumph der einfachen Natur, verschlossen, so folge mir in jenes Haus mit heHericuchteten Spiegelfenstem. Du trittst in den Saal; die dampfende Teemaschine ist der Brennpunkt um den sich die eleganten Herren und Damen bewegen. Spieltische werden gerückt, aber auch der Deckel des Fortepianos fliegt auf, und auch hier dient die Musik zur angenehmen Unterhaltung und Zerstreuung. Gut gewählt hat sie durchaus nichts Störendes, denn selbst die Kartenspieler, obschon mit etwas Höherem, mit Gewinn und Verlust, beschäftigt, dulden sie willig. Was soll ich endlich von den großen öffentlichen Konzerten sagen, die die herrlichste Gelegenheit geben, musikalisch begleitet. diesen oder jenen Freund zu sprechen oder ist man noch in den Jahren des Übermuts, mit dieser oder jener Dame süße Worte zu wechseln, wozu ja sogar die Musik noch ein schickliches Thema geben kann. Diese Konzerte sind die wahren Zerstreuungsplätze für den Geschäftsmann und dem Theater sehr vorzuziehen, da dieses zuweilen Vorstellungen gibt, die den Geist unerlaubterweise auf etwas ganz Nichtiges und Unwahres fixieren, so dass man Gefahr läuft, in die Poesie hineinzugeraten, wovor sich denn doch jeder, dem seine bürgerliche Ehre am Herzen liegt, hüten muss! Kurz, es ist, wie ich gleich anfangs erwähnte, ein entscheidendes Zeichen, wie sehr man jetzt die wahre Tendenz der Musik erkennt, dass sie so fleißig und mit so vielem Ernst getrieben und gelehrt wird. Wie zweckmäßig ist es nicht, dass die Kinder, sollten sie auch nicht das mindeste Talent zur Kunst haben, worauf es ja auch eigentlich gar nicht ankommt, doch zur Musik angehalten werden, um so, wenn sie sonst noch nicht obligat in der Gesellschaft wirken dürfen, doch wenigstens das ihrige zur Unterhaltung und Zerstreuung beitragen zu können! Wohl ein glänzender Vorzug der Musik vor jeder andern Kunst ist es auch, dass sie in ihrer Reinheit (ohne Einmischung der Poesie) durchaus moralisch und daher in keinem Fall von schädlichem Einfluss auf die zarte Jugend ist. Jener Polizeidirektor attestierte keck dem Erfinder eines neuen Instruments, dass darin nichts gegen den Staat, die Religion und die guten Sitten enthalten sei; mit derselben Keckheit kann jeder Musikmeister dem Papa und der Mama im Voraus versichern, die neue Sonate enthält nicht einen unmoralischen Gedanken. Werden die Kinder älter, so versteht es sich von selbst, dass sie von der Ausübung der Kunst abstrahieren müssen, da für ernste Männer so etwas sich nicht wohl schicken will und Damen darüber sehr leicht höhere Pflichten der Gesellschaft usw. versäumen können. Diese genießen dann das Vergnügen der Musik nur passiv, indem sie sich von Kindern oder Künstlern von Profession vorspielen lassen. Aus der richtig angegebenen Tendenz der Kunst fließt auch von selbst, dass die Künstler, d. h. diejenigen Personen, welche (freilich töricht genug!) ihr ganzes Leben einem nur zur Erholung und Zerstreuung dienenden Geschäfte widmen, als ganz untergeordnete Subjekte zu betrachten und darum zu dulden sind, weil sie das miscere utili dulce in Ausübung bringen. Kein Mensch von gesundem Verstande und gereiften Einsichten wird den besten Künstler so hoch schätzen als den wackern Kanzellisten, ja den Handwerksmann, der das Polster stopfte, worauf der Rat in der Schlossstube oder der Kaufmann im Komptoir sitzt, da hier das Notwendige, dort nur das Angenehme beabsichtigt wird. Wenn man daher mit dem Künstler höflich und freundlich umgeht, so ist das nur eine Folge unserer Kultur und unserer Bonhommie, die uns ja auch mit Kindern und andern Personen, die Spaß machen, schöntun und tändeln lässt. Manche von diesen unglücklichen Schwärmern sind zu spät aus ihrem Irrtum erwacht und darüber wirklich in einigen Wahnsinn verfallen, welches man aus ihren Äußerungen über die Kunst sehr leicht abnehmen kann. Sie meinen nämlich, die Kunst ließe den Menschen sein höheres Prinzip ahnen und führe ihn aus dem törichten Tun und Treiben des gemeinen Lebens in den Isistempel, wo die Natur in heiligen, nie gehörten und doch verständlichen Lauten mit ihm spräche. Von der Musik hegen diese Wahnsinnigen nun vollends die wunderlichsten Meinungen; sie nennen sie die romantischste aller Künste, da ihr Vorwurf nur das Unendliche sei; die geheimnisvolle, in Tönen ausgesprochene Sanskritta der Natur, die die Brust des Menschen mit unendlicher Sehnsucht erfülle, und nur in ihr verstehe er das hohe Lied der Bäume, der Blumen, der Tiere, der Steine, der Gewässer! (...) Diejenigen, welche denn doch, wie ich es erst ausgeführt habe, ganz richtig über die wahre Tendenz der Kunst, und der Musik insbesondere, urteilen, nennen sie unwissende Frevler, die ewig von dem Heiligtum des höhern Seins ausgeschlossen bleiben müssten, und beurkunden dadurch ihre Tollheit. Denn ich frage mit Recht: Wer ist besser daran, der Staatsbeamte, der Kaufmann, der von seinem Gelde Lebende, der gut isst und trinkt, gehörig spazieren fährt und den alle Menschen mit Ehrfurcht grüßen, oder der Künstler, der sich ganz kümmerlich in seiner fantastischen Welt behelfen muss? Zwar behaupten jene Toren, dass es eine ganz besondere Sache um die poetische Erhebung über das Gemeine sei und manches Entbehren sich dann umwandle in Genuss: Allein die Kaiser und Könige im Irrenhause mit der Strohkrone auf dem Haupt sind auch glücklich! (...) Den armen Künstlern, die noch nicht in den oben beschriebenen Wahnwitz verfallen sind, glaube ich wirklich nicht übel zu raten, wenn ich ihnen, um sich doch nur etwas aus ihrer zwecklosen Tendenz herauszureißen, vorschlage, noch nebenher irgendein leichtes Handwerk zu erlernen: Sie werden gewiss dann schon als nützliche Mitglieder des Staats etwas gelten. Mir hat ein Kenner gesagt, ich hatte eine geschickte Hand zum Pantoffelmachen, und ich bin nicht abgeneigt, mich als prototypus in die Lehre bei diesem hiesigen Pantoffelmachermeister Schnabler, der noch dazu mein Herr Pate ist, zu begeben

(Text aus: E.T. A. Hoffmann, Kreisleriana. In: Hannsludwig Geiger [Hrsg.]: Sämtliche poetischen Werke. Bd. 1. Wiesbaden: Emil Vollmer: o. J. S. 38—43; gekürzt)

 

Text 3

Den Poeten und Wahnsinnigen verbindet das Festhalten am Ideal der Liebe gegen die beschränkte Alltäglichkeit. Was sie trennt, den Poeten vor dem Wahnsinn bewahrt, ist die poetische Bewältigung seines Zwiespalts. In der Kunst findet all das seinen Ausdruck, was der alltäglichen Erfahrung versagt bleibt, im realen Leben des Künstlers aber bleibt der Konflikt bestehen

Wahnsinnig wird der, der auf der Verwirklichung des „Traums eines anderen Seins“ beharrt, der lieber die Realität eintauscht, als diesen Traum preiszugeben. Der Poet aber, im Leiden am "wachen Leben“ dem Wahnsinnigen gleich, hat in seiner poetischen Aufhebung des Traums den Verzicht auf reale Erfüllung schon ausgesprochen.

(Text aus: Andreas und Christiane Seiverth: Kein Talent, glücklich zu sein: Alltag und Traum bei E. T. A. Hoffmann. In: H. C. Kirsch: Klassiker heute. © Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag GmbH 1980. S. 184)

 

Text 4

E.T.A.      Hoffmann: Jacques Callot

Warum kann ich mich an deinen sonderbaren fantastischen Blättern nicht satt sehen, du kecker Meister! Warum kommen mir deine Gestalten, oft nur durch ein paar kühne Striche angedeutet, nicht aus dem Sinn? Schaue ich deine überreichen, aus den heterogensten Elementen geschaffenen Kompositionen lange an, so beleben sich die tausend und tausend Figuren, und jede schreitet, oft aus dem tiefsten Hintergrunde, wo es erst schwer hielt, sie nur zu entdecken, kräftig und in den natürlichsten Farben glänzend hervor. Kein Meister hat so wie Callot gewusst, in einem kleinen Raum eine Fülle von Gegenständen zusammenzudrängen, die, ohne den Blick zu verwirren, nebeneinander, ja ineinander heraustreten, so dass das Einzelne, als Einzelnes für sich bestehend, doch dem Ganzen sich anreiht. Mag es sein, dass schwierige Kunstrichter ihm seine Unwissenheit in der eigentlichen Gruppierung sowie in der Verteilung des Lichts vorgeworfen; indessen geht seine Kunst auch eigentlich• über die Regeln der Malerei hinaus, oder vielmehr seine Zeichnungen sind nur Reflexe aller der fantastischen wunderlichen Erscheinungen, die der Zauber seiner überregen Fantasie hervorrief. Denn selbst in seinen aus dem Leben genommenen Darstellungen, in seinen Aufzügen, seinen Bataillen usw. ist es eine lebensvolle Physiognomie ganz eigner Art, die seinen Figuren, seinen Gruppen — ich möchte sagen etwas fremdartig Bekanntes gibt. Selbst das Gemeinste aus dem Alltagsieben, sein Bauerntanz, zu dem Musikanten aufspielen, die wie Vögelein in den Bäumen sitzen, erscheint in dem Schimmer einer gewissen romantischen Originalität, so dass das dem Fantastischen hingegebene Gemüt auf eine wunderbare Weise davon angesprochen wird. Die Ironie, welche, indem sie das Menschliche mit dem Tier in Konflikt setzt, den Menschen mit seinem ärmlichen Tun und Treiben verhöhnt, wohnt nur in einem tiefen Geiste, und so enthüllen Callots aus Tier und Mensch geschaffene groteske Gestalten dem ernsten, tiefer eindringenden Beschauer alle die geheimen Andeutungen, die unter dem Schleier der Skurilität verborgen liegen. Wie ist doch in dieser Hinsicht der Teufel, dem in der Versuchung des heiligen Antonius die Nase zur Flinte gewachsen, womit er unaufhörlich nach dem Mann Gottes zielt, so vortrefflich; der lustige Teufel Feuerwerker sowie der Klarinettist, der ein ganz besonderes Organ braucht, um seinem Instrumente den nötigen Atem zu geben. auf demselben Blatte sind ebenso ergötzlich. Es ist schön, dass Callot ebenso kühn und keck, wie in seinen festen, kräftigen Zeichnungen, auch im Leben war. Man erzählt, dass, als Richelieu von ihm verlangte, er solle die Einnahme seiner Vaterstadt Nancy gravieren, er freimütig erklärte, eher haue er sich seinen Daumen ab, als dass er die Erniedrigung seines Fürsten und seines Vaterlandes durch sein Talent verewige. Könnte ein Dichter oder Schriftsteller, dem die Gestalten des gewöhnlichen Lebens in seinem innern romantischen Geisterreiche erscheinen, und der sie nun in dem Schimmer, von dem sie dort umflossen, wie in einem fremden, wunderlichen Putze darstellt, sich nicht wenigstens mit diesem Meister entschuldigen und sagen, er habe in Callots Manier arbeiten wollen?

(Text aus: E. T. A. Hoffmann: Phantasiestücke in Callots Manier. In: Hannsludwig Geiger [Hrsg.]: Sämtliche poetischen Werke. Bd. 1. Wiesbaden: Emil Vollmer o. J. S. 15 f.)

 

Text 5

E.T.A.      Hoffmann: Wahnsinn und Wirklichkeit Serapions

„Es ist vom Wahnsinn die Rede, leidet einer von uns an dieser bösen Krankheit, so ist das offenbar bei Ihnen der Fall in viel höherem Grade als bei mir. Sie behaupten, es sei fixe Idee, dass ich mich für den Märtyrer Serapion halte, und ich weiß recht gut, dass viele Leute dasselbe glauben oder vielleicht nur so tun, als ob sie es glaubten. Bin ich nun wirklich wahnsinnig, so kann nur ein Verrückter wähnen, dass er imstande sein werde, mir die fixe Idee, die den Wahnsinn erzeugt hat, auszureden. Wäre dies möglich, so gäbe es bald keinen Wahnsinnigen mehr auf der ganzen Erde, denn der Mensch könnte gebieten über die geistige Kraft, die nicht sein Eigentum, sondern nur anvertrautes Gut der höhern Macht ist, die darüber waltet. Bin ich aber nicht wahnsinnig und wirklich der Märtyrer Serapion, so ist es wieder ein törichtes Unternehmen, mir das ausreden und mich erst zu der fixen Idee treiben zu wollen, dass ich der Graf P ... aus M ... und zu Großem berufen sei. Sie sagen, dass der Märtyrer Serapion vor vielen hundert Jahren lebte und dass ich folglich nicht jener Märtyrer sein könne, wahrscheinlich aus dem Grunde, weil Menschen nicht so lange auf Erden zu wandeln vermögen. Fürs erste ist die Zeit ein ebenso relativer Begriff wie die Zahl, und ich könnte Ihnen sagen, dass, wie ich den Begriff der Zeit in mir trage, es kaum drei Stunden oder wie Sie sonst den Lauf der Zeit bezeichnen wollen, her sind, als mich der Kaiser Dezius hinrichten ließ. Dann aber, davon abgesehen, können Sie mir nur den Zweifel entgegenstellen, dass ein solch langes Leben, wie ich geführt haben will, beispiellos und der menschlichen Natur entgegen sei. Haben Sie Kenntnis von dem Leben jedes einzelnen Menschen, der auf der ganzen weiten Erde existiert hat, dass Sie das Wort beispiellos keck aussprechen können? Stellen Sie die Allmacht Gottes der armseligen Kunst des Uhrmachers gleich, der die tote Maschine nicht zu retten vermag vor dem Verderben? Sie sagen, der Ort, wo wir uns befinden, sei nicht die Thebaische Wüste, sondern ein kleiner Wald, der zwei Stunden von B ... liege und täglich von Bauern, Jägern und anderen Leuten durchstreift werde. Beweisen Sie mir das!“

Hier glaubte ich meinen Mann fassen zu können. „Auf“, rief ich, „kommen Sie mit mir, in zwei Stunden sind wir in B ...‚ und das, was ich behauptet, ist bewiesen.“ „Armer verblendeter Tor“, sprach Serapion, „welch ein Raum trennt uns von B ... — Aber gesetztenfalls, ich folgte Ihnen wirklich nach einer Stadt, die Sie B ... nennen, würden Sie mich davon überzeugen können, dass wir wirklich nur zwei Stunden wandelten, dass der Ort, wo wir hingelangten, wirklich B ... sei? Wenn ich nun behauptete, dass eben Sie, von einem heillosen Wahnsinn befangen, die Thebaische Wüste für ein Wäldchen und das ferne, ferne Alexandrien für die süddeutsche Stadt B ... hielten, was würden Sie sagen können? Der alte Streit würde nie enden und uns beiden verderblich werden. Und noch eins mögen Sie recht ernstlich bedenken! Sie müssen es wohl merken, dass der, der mit Ihnen spricht, ein heitres ruhiges, mit Gott versöhntes Leben führt. Nur nach überstandenem Märtyrertum geht ein solches Leben im Innern auf. Hat es nun der ewigen Macht gefallen, einen Schleier zu werfen über das, was vor jenem Märtyrertum geschah, ist es nicht eine grausame heillose Teufelei, an diesem Schleier zu zupfen?“

Mit all meiner Weisheit stand ich vor diesem Wahnsinnigen verwirrt beschämt! Mit der Konsequenz seiner Narrheit hatte er mich gänzlich aus dem Felde geschlagen, und ich sah die Torheit meines Unternehmens in vollem Umfange ein. Noch mehr als das, den Vorwurf, den seine letzten Worte enthielten, fühlte ich ebenso tief, als mich das dunkle Bewusstsein des frühern Lebens, das darin wie ein höherer unverletzbarer Geist hervorschimmerte, in Erstaunen setzte.

[...] Ich gedachte mich zu entfernen, doch in demselben Augenblick begann Serapion mit verändertem Ton: „Sie sollten nicht meinen, dass diese rauhe unwirtbare Wüste mir für meine stillen Betrachtungen oft beinahe zu lebhaft wird. Täglich erhalte ich Besuche von den merkwürdigsten Männern der verschiedensten Art. Gestern war Ariost bei mir, dem bald darauf Dante und Petrarch folgten, heute Abend erwarte ich den wackern Kirchenlehrer Evagrius und gedenke, so wie gestern über Poesie, heute über die neuesten Angelegenheiten der Kirche zu sprechen. Manchmal steige ich auf die Spitze jenes Berges, von der man bei heitrem Wetter ganz deutlich die Türme von Alexandrien erblickt, und vor meinen Augen begeben sich die wunderbarsten Ereignisse und Taten. Viele haben das auch unglaublich gefunden und gemeint, ich bilde mir nur ein, das vor mir im äußern Leben wirklich sich ereignen zu sehen, was sich nur als Geburt meines Geistes, meiner Fantasie gestalte. Ich halte dies nun für eine der spitzfindigsten Albernheiten, die es geben kann. Ist es nicht der Geist allein, der das, was sich um uns her begibt in Raum und Zeit, zu erfassen vermag? Ja, was hört, was sieht, was fühlt in uns? vielleicht die toten Maschinen, die wir Auge Ohr Hand usw. nennen, und nicht der Geist? Gestaltet sich nun etwa der Geist seine in Raum und Zeit bedingte Welt im Innern auf eigne Hand und überlässt jene Funktionen einem andern, uns innewohnenden Prinzip? Wie ungereimt! Ist es nun also der Geist allein, der die Begebenheit vor uns erfasst, so hat sich das auch wirklich begeben, was er dafür anerkennt. Eben gestern sprach Ariost von den Gebilden seiner Fantasie und meinte, er habe im Innern Gestalten und Begebenheiten geschaffen, die niemals in Raum und Zeit existierten. Ich bestritt, dass dies möglich, und er musste mir einräumen, dass es nur Mangel höherer Erkenntnis sei, wenn der Dichter alles, was er vermöge seiner besonderen Sehergabe vor sich in vollem Leben erschaue, in den engen Raum seines Gehirns einschachteln wolle

(Text aus: E.T.A. Hoffmann: Die Serapions-Brüder. In: Hannsludwig Geiger [Hrsg.J: Sämtliche poetischen Werke. Bd. 2. Wiesbaden: Emil Vollmer o. J. S. 25—28; gekürzt)

 

Text 6

Friedrich Schlegel: Ironie

Die Sokratische Ironie ist die einzige durchaus unwillkürliche, und doch durchaus besonnene Verstellung. Es ist gleich unmöglich, sie zu erkünsteln, und sie zu verraten. Wer sie nicht hat, dem bleibt sie auch nach dem offensten Geständnis ein Rätsel. Sie soll niemanden täuschen, als die, welche sie für Täuschung halten, und entweder ihre Freude haben an der herrlichen Schalkheit, alle Welt zum besten zu haben, oder böse werden, wenn sie ahnden, sie wären wohl auch mit gemeint. In ihr soll alles Scherz und alles Ernst sein, alles treuherzig offen, und alles tief verstellt. Sie entspringt aus der Vereinigung von Lebenskunstsinn und wissenschaftlichem Geist, aus dem Zusammentreffen vollendeter Naturphilosophie und vollendeter Kunstphilosophie. Sie enthält und erregt ein Gefühl von dem unauflöslichen Widerstreit des Unbedingten und des Bedingten, der Unmöglichkeit und Notwendigkeit einer vollständigen Mitteilung. Sie ist die freieste aller Lizenzen, denn durch sie setzt man sich über sich selbst weg; und doch auch die gesetzlichste, denn sie ist unbedingt notwendig. Es ist ein sehr gutes Zeichen, wenn die harmonisch Platten gar nicht wissen, wie sie diese stete Selbstparodie zu nehmen haben, immer wieder von neuem glauben und missglauben, bis sie schwindlicht werden, den Scherz grade für Ernst, und den Ernst für Scherz halten. (...)

Ironie ist die Form des Paradoxen. Paradox ist alles, was zugleich gut und groß ist. (...)

Ich kann die didaktische Poesie nicht für eine eigentliche Gattung gelten lassen, so wenig wie die romantische. Jedes Gedicht soll eigentlich romantisch und jedes soll didaktisch sein in jenem weitern Sinne des Wortes, wo es die Tendenz nach einem tiefen unendlichen Sinn bezeichnet. Auch machen wir diese Forderung überall, ohne eben den Namen zu gebrauchen. Selbst in ganz populären Arten, wie z. B. im Schauspiel, fordern wir Ironie; wir fordern, dass die Begebenheiten, die Menschen, kurz das ganze Spiel des Lebens wirklich auch als Spiel genommen und dargestellt sei. Dieses scheint uns das Wesentlichste, und was liegt nicht alles darin? Wir halten uns also nur an die Bedeutung des Ganzen; was den Sinn, das Herz, den Verstand, die Einbildung einzeln reizt, rührt, beschäftigt und ergötzt, scheint uns nur Zeichen, Mittel zur Anschauung des Ganzen, in dem Augenblick, wo wir uns zu diesem erheben. (Text aus: Fragment 108, 48 aus der Zeitschrift „Lyceum“ [1797] und ein Teil aus dem „Gespräch über die Poesie“ [1800]; zitiert nach: R. Ulshöfer [Hrsg.], Arbeitsbuch Deutsch, Sek. II. Bd. 2. Karlsruhe: G. Braun 1972. S. 214 f.)